Führung ist wie Schauspiel – nur ohne Kostüm

Vor kurzem gab ich wieder einen Workshop zum Thema „Die Aufgabe des Schauspielers“.
Nach einer Übung sagte jemand:
„Ich finde einfach nicht in die Rolle.“
Ich musste lächeln. Diesen Satz höre ich seit über dreißig Jahren. Und fast jedes Mal denke ich: Eigentlich ist das kein Schauspielproblem. Es ist ein Führungsproblem. Denn gute Schauspieler warten nicht darauf, dass sie irgendwann „in der Rolle“ sind.
Sie arbeiten daran. Sie trainieren ihre Stimme. Sie beobachten Menschen. Sie schärfen ihren Ausdruck. Sie entwickeln eine Biografie für ihre Figur. Sie wissen, warum sie einen Raum betreten. Und warum sie ihn wieder verlassen.
Vor allem aber lernen sie etwas, das in keinem Textbuch steht:
Präsent sein.
Nicht nur körperlich. Sondern mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit. Mit ihrem Gegenüber. Mit dem Moment. Genau deshalb fasziniert mich Schauspiel seit so vielen Jahren. Denn auf der Bühne merkt man sofort, wenn jemand nur funktioniert. Man sieht die Technik. Man hört die Routine. Aber man fühlt den Menschen nicht.
Und genau dasselbe passiert in Meetings. In Workshops. Im Unterricht. In Gesprächen.
Menschen folgen keiner Stellenbeschreibung. Sie folgen auch keiner perfekten Methode. Sie folgen Menschen, die wirklich da sind. Die zuhören. Die reagieren. Die nicht schon beim nächsten Satz sind, während der andere noch spricht.
Als Moderator, Graphic Recorder oder Lehrer erlebe ich das immer wieder. Die besten Momente entstehen selten, weil jemand die perfekte Methode kennt. Sondern weil plötzlich echte Aufmerksamkeit im Raum entsteht. Dann beginnen Menschen, anders zu denken.
Mutiger zu sprechen. Ehrlicher zu widersprechen. Kreativer zu werden.
Vielleicht liegt genau darin die größte Gemeinsamkeit zwischen Schauspiel und Führung. Beides beginnt nicht mit der Frage:
„Wie wirke ich?“
Sondern mit einer ganz anderen:
„Wie kann ich wirklich anwesend sein?“
Was lerne ich daraus?
Je länger ich Theater mache, desto weniger glaube ich, dass Schauspiel etwas mit Verstellen zu tun hat. Eigentlich ist das Gegenteil der Fall. Die besten Schauspieler verstecken sich nicht hinter einer Rolle. Sie finden in ihr etwas Echtes.
Und vielleicht gilt genau das auch für gute Führung. Nicht möglichst überzeugend wirken. Sondern so präsent sein, dass andere sich ebenfalls trauen, präsent zu sein.



