Dieses Plakat stammt von mir. Gezeichnet habe ich es trotzdem nicht!

Als dieses Plakat fertig war, hätte ich mich eigentlich freuen müssen.

Es sah genau so aus, wie ich es mir vorgestellt hatte. Die Stimmung stimmte. Die Farben. Die Typografie. Genau der Eindruck, den ich für unseren improvisierten Krimi erzeugen wollte.

Nur eines stimmte nicht.

Ich hatte es nicht gezeichnet.

Normalerweise beginne ich bei einem Plakat mit ersten Skizzen. Ich verwerfe Ideen, beginne noch einmal von vorne und ringe mich langsam an eine Lösung heran. Diesmal lief es anders. Ich hatte eine ziemlich klare Vorstellung im Kopf. Also beschrieb ich sie einer KI.

Ein paar Sekunden später war das Plakat fertig.

Natürlich hätte ich es auch selbst zeichnen können. Nur nicht so schnell aber in demselben Stil und ähnlich perfekt. Aber ich habe mich dagegen entschieden. Und genau das beschäftigt mich bis heute.

Es fühlte sich gleichzeitig effizient und merkwürdig leer an.

Nicht, weil das Ergebnis schlecht gewesen wäre. Im Gegenteil. Sondern weil ich plötzlich merkte, dass ich einen Teil meiner bisherigen Arbeit einfach übersprungen hatte.

Ich hatte nicht mehr gezeichnet.

Ich hatte entschieden.

Das führte zu einer unbequemen Frage:

            „War das Zeichnen überhaupt jemals meine eigentliche Kernkompetenz?“

Jahrelang habe ich mich als Künstler verstanden, der mit seinem handwerklichen Können etwas erschafft. Nun saß ich vor einem Bild, das genau meinen Vorstellungen entsprach, obwohl ich keinen einzigen Strich selbst gezeichnet hatte.

Vielleicht verändert KI deshalb gerade so viele kreative Berufe. Nicht mehr derjenige, der jede Linie selbst ausführt, entscheidet darüber, wie das Bild aussieht. Entscheidend wird derjenige, der weiß, was entstehen soll und warum.

Schlechte Ideen bleiben schlecht, egal ob sie mit Bleistift oder Prompt umgesetzt werden. Gute Ideen finden heute nur sehr viel schneller eine Form.

Das ist zugleich faszinierend und beunruhigend.

Denn wenn Maschinen immer besser darin werden, Bilder zu erzeugen, stellt sich zwangsläufig eine neue Frage:

            „Worin besteht dann eigentlich noch meine kreative Leistung?“

Ich glaube inzwischen, dass ich damals die falsche Frage gestellt habe.

Nicht:

            „Wer hat das Bild gezeichnet?“

Sondern:

            „Wer hat die Idee entwickelt, die dieses Bild überhaupt möglich gemacht hat?“

Genau dort beginnt für mich heute Kreativität. Nicht beim Ausführen. Sondern beim Beobachten. Beim Fragen. Beim Denken. Beim Entwickeln einer Vorstellung, die es wert ist, sichtbar gemacht zu werden.

Was lerne ich daraus?

Dieses Plakat hat mich gezwungen, meinen eigenen Beruf neu zu betrachten. Früher dachte ich, mein größter Wert läge im Zeichnen. Heute glaube ich, dass Zeichnen ein Werkzeug ist. Ein wichtiges Werkzeug, aber eben nur eines von vielen. Entscheidend ist die Fähigkeit, gemeinsam mit anderen Gedanken zu entwickeln, Zusammenhänge sichtbar zu machen und Bilder im Kopf entstehen zu lassen.

Vielleicht wird genau das in einer Welt voller KI zur eigentlichen Kernkompetenz.

Nicht besser zu zeichnen.

Sondern besser zu denken.

Führung ist wie Schauspiel – nur ohne Kostüm

Vor kurzem gab ich wieder einen Workshop zum Thema „Die Aufgabe des Schauspielers“.

Nach einer Übung sagte jemand:

            „Ich finde einfach nicht in die Rolle.“

Ich musste lächeln. Diesen Satz höre ich seit über dreißig Jahren. Und fast jedes Mal denke ich: Eigentlich ist das kein Schauspielproblem. Es ist ein Führungsproblem. Denn gute Schauspieler warten nicht darauf, dass sie irgendwann „in der Rolle“ sind.

Sie arbeiten daran. Sie trainieren ihre Stimme. Sie beobachten Menschen. Sie schärfen ihren Ausdruck. Sie entwickeln eine Biografie für ihre Figur. Sie wissen, warum sie einen Raum betreten. Und warum sie ihn wieder verlassen.

Vor allem aber lernen sie etwas, das in keinem Textbuch steht:

            Präsent sein.

Nicht nur körperlich. Sondern mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit. Mit ihrem Gegenüber. Mit dem Moment. Genau deshalb fasziniert mich Schauspiel seit so vielen Jahren. Denn auf der Bühne merkt man sofort, wenn jemand nur funktioniert. Man sieht die Technik. Man hört die Routine. Aber man fühlt den Menschen nicht.

Und genau dasselbe passiert in Meetings. In Workshops. Im Unterricht. In Gesprächen.

Menschen folgen keiner Stellenbeschreibung. Sie folgen auch keiner perfekten Methode. Sie folgen Menschen, die wirklich da sind. Die zuhören. Die reagieren. Die nicht schon beim nächsten Satz sind, während der andere noch spricht.

Als Moderator, Graphic Recorder oder Lehrer erlebe ich das immer wieder. Die besten Momente entstehen selten, weil jemand die perfekte Methode kennt. Sondern weil plötzlich echte Aufmerksamkeit im Raum entsteht. Dann beginnen Menschen, anders zu denken.

Mutiger zu sprechen. Ehrlicher zu widersprechen. Kreativer zu werden.

Vielleicht liegt genau darin die größte Gemeinsamkeit zwischen Schauspiel und Führung. Beides beginnt nicht mit der Frage:

            „Wie wirke ich?“

Sondern mit einer ganz anderen:

            „Wie kann ich wirklich anwesend sein?“

Was lerne ich daraus?

Je länger ich Theater mache, desto weniger glaube ich, dass Schauspiel etwas mit Verstellen zu tun hat. Eigentlich ist das Gegenteil der Fall. Die besten Schauspieler verstecken sich nicht hinter einer Rolle. Sie finden in ihr etwas Echtes.

Und vielleicht gilt genau das auch für gute Führung. Nicht möglichst überzeugend wirken. Sondern so präsent sein, dass andere sich ebenfalls trauen, präsent zu sein.

Man weiss nie, wer als nächstes einsteigt!

 

Es gibt einen Satz aus dem Improvisationstheater, der mich schon mein ganzes Leben begleitet.

Damals kannte ich ihn nur noch nicht.

            „Ja, und…“

Heute weiß ich: „Ja, und…“ ist keine Improregel. Es ist die Bereitschaft, einer Möglichkeit eine Chance zu geben.

Als Student fuhr ich nachts Taxi in München. Nachtschicht bedeutete: warten. Manchmal stundenlang. Und dann öffnete sich plötzlich die Tür. Man wusste nie, wer als Nächstes einstieg.

Eines Nachts setzte sich ein Mann zu mir und sagte:

            „Bad Tölz.“

Perfekt, dachte ich. Endlich eine ordentliche Tour. Dann kam der Nachsatz.

            „Ich habe allerdings keine Kohle dabei. Aber der Typ, zu dem ich fahre, schuldet mir noch zweihundert Ocken.“

In meinem Kopf begann sofort ein Streit.

            „Ja, aber…“

Was, wenn der Typ lügt? Was, wenn niemand öffnet? Was, wenn ich zwei Stunden verliere? Was, wenn ich auf den Kosten sitzen bleibe? Und trotzdem fuhr ich los. Der Mann zahlte. Die Fahrt war ein voller Erfolg.

Natürlich ging es nicht immer gut. Manchmal wurde ich auch übers Ohr gehauen. Aber etwas anderes war wichtiger. Ich lernte, dass hinter jeder geöffneten Taxitür eine Geschichte wartete. Und manchmal veränderte sie mein Leben.

Ein älterer Mann mit blauem Vollbart und zwei Plastiktüten voller Bierflaschen stieg ein. Von außen sah er ziemlich heruntergekommen aus. Später wurde genau dieser Mann mein Professor an der Kunstakademie. Seitdem bemühe ich mich, Menschen nie nach ihrem ersten Eindruck zu beurteilen. Denn hätte ich ihn nach seinem ersten Eindruck beurteilt, wäre diese Geschichte nie entstanden.

Viele Jahre später lernte ich Improvisationstheater. Dort hörte ich zum ersten Mal den Satz:

            „Ja, und…“

Plötzlich hatte meine Zeit als Taxifahrer einen Namen bekommen.

Im Improtheater blockiert „Ja, aber…“ jede Szene. „Ja, und…“ dagegen nimmt das Angebot an und entwickelt es weiter. Genau so funktioniert das Leben.

Nicht jede Tür führt zu einer guten Geschichte. Nicht jede Entscheidung wird richtig sein. Aber jede Möglichkeit mit einem reflexhaften „Ja, aber…“ abzulehnen, garantiert nur eines: Dass nichts Neues passiert.

Später leitete ich als Trainer für Körpersprache und Präsenz einen Workshop. An der Seite visualisierte ein Graphic Recorder den Prozess und die Ergebnisse auf einer riesen Papierrolle mit.

Mein erster Gedanke hätte sein können:

            „Ja, interessant, aber… das können bestimmt nur Spezialisten!“

Stattdessen dachte ich:

            „Ja, wow wie beeindruckend… das könnte ich bestimmt auch lernen!“

Dieser eine Gedanke veränderte meine berufliche Laufbahn. Ich hatte den Eindruck, dass diese Graphic Recording all das verbindet, was ich liebe:

            Zeichnen. Geschichten. Menschen.

Heute denke ich oft an diese Taxinächte zurück. Nicht wegen des Fahrens. Sondern wegen einer Erkenntnis.

Man weiß nie, wer als Nächstes einsteigt.

Oder welche Idee. Oder welcher Mensch. Oder welche Gelegenheit.

Man muss nur bereit sein, die Tür zu öffnen.