Das Beste an meinem neuen Job als Kunsterzieher: Es geht gar nicht um mich!

Seit ich Kunst unterrichte, beschäftigt mich eine überraschende Erkenntnis. Zum ersten Mal seit vielen Jahren geht es bei meiner Arbeit nicht mehr um mich. Und das empfinde ich als unglaublich befreiend.

Als Kunststudent war das anders. Damals drehte sich fast alles um die eigene Position. Um den eigenen Stil. Die eigene Handschrift. Um die Frage, wie man unverwechselbar wird.

Ich fuhr nachts Taxi und malte tagsüber Taxibilder. Daraus entstand mein Markenzeichen. Trotzdem hörten die Fragen nie auf.

            „Was unterscheidet meine Arbeiten von denen anderer?“

            „Wie entwickle ich meinen Stil weiter?“

            „Wie finde ich Galeristen, ohne mich anzubiedern?“

            „Reicht das überhaupt?“

            „Bin ich gut genug?“

Im Kunstunterricht verschiebt sich dieser Blick plötzlich vollständig. Nicht mehr:

            „Was kann ich?“

Sondern:

            „Wie kann ich einem jungen Menschen helfen, seine eigene Kreativität zu entdecken?“

Plötzlich geht es um ihre Neugier. Ihre Fragen. Ihre Unsicherheit. Ihre ersten Ideen. Nicht darum, ob ich originell genug bin. Sondern darum, ob ich einen Raum schaffen kann, in dem andere den Mut finden, etwas Eigenes auszuprobieren. Dieser Perspektivwechsel hat mich mehr entlastet, als ich erwartet hätte.

Vielleicht, weil ich dabei gemerkt habe, dass mich genau das noch mehr interessiert als das eigene Werk. Als Graphic Recorder, Illustrator oder Moderator stelle ich meine Kreativität ebenfalls in den Dienst anderer. Ich helfe Menschen, Gedanken zu ordnen, Zusammenhänge sichtbar zu machen und Ideen weiterzuentwickeln.

Nur eines fühlt sich völlig anders an.

Im Markt muss ich diese Arbeit jeden Tag neu erklären. Mich positionieren. Sichtbar werden. Kunden überzeugen. Im Unterricht fällt das alles weg.

Dort zählt nur die Frage:

            „Was brauchen die Schülerinnen und Schüler, damit sie heute etwas entdecken können?“

Vielleicht empfinde ich genau deshalb den Unterricht oft als erstaunlich erholsam. Nicht, weil er einfacher wäre. Sondern weil mein eigenes Ego für ein paar Stunden keine Hauptrolle mehr spielt. Je länger ich unterrichte, desto mehr frage ich mich, ob wir Kreativität manchmal falsch verstehen.

Vielleicht besteht sie gar nicht zuerst darin, etwas Besonderes zu schaffen.

Vielleicht beginnt sie dort, wo wir anderen helfen, ihre eigenen Ideen ernst zu nehmen.

Mich lässt dieser Gedanke nicht mehr los. Wie viel Energie würden wir gewinnen, wenn wir weniger Zeit darauf verwenden müssten, uns ständig selbst zu behaupten? Und mehr Zeit hätten, gemeinsam etwas entstehen zu lassen?

Was lerne ich daraus?

Früher dachte ich, gute Kunst müsse vor allem etwas über den Künstler erzählen. Heute glaube ich, dass Kreativität ihre größte Kraft oft dort entfaltet, wo sie anderen hilft, ihre eigenen Gedanken zu entwickeln. Vielleicht ist genau das die wichtigste Aufgabe eines Kunsterziehers. Nicht Menschen zu zeigen, wie sie zeichnen sollen.

Sondern ihnen das Vertrauen zu geben, dass ihre eigenen Ideen es wert sind, sichtbar zu werden.

„Muss ich da noch was dazumalen, damit ich eine gute Note bekomme?“

 

 

Diese Frage stellte mir neulich ein Schüler im Kunstunterricht. Er meinte sie völlig ernst.

Nicht aus Faulheit. Nicht aus Ironie.

Sondern weil er wissen wollte, wie er möglichst sicher ans Ziel kommt. Während ich darüber nachdachte, wurde mir klar: Eigentlich fragte er gar nicht nach Kunst.

Er will wissen:

            „Woran erkenne ich, dass es für eine Eins reicht?“

Je länger ich darüber nachdachte, desto öfter hörte ich dieselbe Frage. Nicht im Klassenzimmer. Sondern überall. Im Unternehmen.

            „Was will der Kunde hören?“

            „Was erwartet die Geschäftsführung?“

            „Was muss ich liefern, damit nieman etwas daran auszusetzen hat?“

Der Mechanismus ist derselbe. Plötzlich geht es nicht mehr darum, etwas Eigenes zu entwickeln. Sondern darum, möglichst wenig falsch zu machen. Der Schüler richtet seine Idee auf die Bewertung aus. Der Mitarbeiter auf das erwartete Ergebnis. Und irgendwann geschieht etwas Merkwürdiges:

Alle wünschen sich Innovation. Aber niemand möchte das Risiko tragen, das Innovation mit sich bringt. Dabei entsteht Kreativität selten dort, wo Menschen nur Erwartungen erfüllen.

Sie braucht Umwege. Irrtümer. Überraschungen. Sie ist chaotisch. Unkontrollierbar. Geheimnisvoll.

Vielleicht ist der Kunstunterricht deshalb einer der letzten Orte, an denen wir genau das noch üben könnten. Nicht das perfekte Ergebnis. Sondern den Mut, etwas auszuprobieren, dessen Ausgang noch niemand kennt.

Natürlich brauchen Schulen und Unternehmen Regeln, Qualität und Verlässlichkeit. Das Problem beginnt erst dann, wenn diese Werkzeuge wichtiger werden als Neugier. Wenn aus Orientierung Anpassung wird. Wenn Sicherheit wichtiger ist als Entdeckung. Je länger ich unterrichte, desto häufiger frage ich mich:

Wollen wir wirklich eigenständige Menschen?

Oder wünschen wir uns vor allem Menschen, die Erwartungen möglichst gut erfüllen? Vielleicht entscheidet sich genau dort, ob Kreativität entsteht. Oder nur gute Anpassung.

Was lerne ich daraus?

Ich glaube inzwischen, dass Kreativität nicht dort beginnt, wo Menschen alles richtig machen. Sondern dort, wo sie den Mut haben, etwas auszuprobieren, das auch scheitern könnte.

Vielleicht sollten wir deshalb im Kunstunterricht weniger fragen:

            „Ist das gut genug?“

Und öfter:

            „Was hast du ausprobiert, das du dich vorher nicht getraut hättest?“

Denn genau dort beginnt für mich Lernen. Und vielleicht beginnt dort auch Innovation.

An zwei Tagen pro Woche Kunstlehrer an einem Gymnasium

Seit Februar 2025 unterrichte ich an zwei Tagen pro Woche Kunst an einem Gymnasium. Das ist meine erste Festanstellung und ich bin 60.

Seit Jahren höre ich auf Workshops und Konferenzen denselben Satz:

            „Ich kann so etwas nicht. Ich war schon in der Schule schlecht im Zeichnen.“

Seit ich unterrichte, frage ich mich immer öfter:

            Woher kommt dieser Satz eigentlich?

Denn keines der Kinder in der 5. Klasse kommt mit der Überzeugung in den Kunstunterricht, nicht zeichnen zu können. Sie zeichnen einfach. Sie mischen Farben. Sie bauen. Sie experimentieren. Wenn aus Gelb und Blau erst einmal eine braune Soße wird, lachen sie kurz und probieren weiter.

Für sie ist das kein Fehler. Sondern ein Lernschritt. Im Laufe der Monate habe ich etwas gelernt:

            „Falsch“ ist im Kunstunterricht ein erstaunlich nutzloses Wort.

Natürlich kann ich zeigen, wie Perspektive funktioniert. Wie man Farben mischt oder eine Figur konstruiert. Aber Kunst entsteht nicht dadurch, dass jemand alles richtig macht. Sondern dadurch, dass jemand den Mut hat, etwas auszuprobieren.

Mit den Jahren scheint diese Neugier zu verschwinden. Bei den älteren Schülerinnen und Schülern verändert sich etwas. Viele fragen nicht mehr:

            „Was passiert, wenn ich das so mache?“

Sondern:

            „Wie macht man das richtig?“

Oder:

            „Reicht das für eine gute Note?“

Plötzlich geht es nicht mehr um Neugier. Sondern um Sicherheit. Nicht mehr um Entdecken. Sondern darum, möglichst wenig falsch zu machen. Dabei wünsche ich mir etwas ganz anderes.

Dass diese Kinder später in Meetings sitzen und sich nicht kleinmachen. Dass sie ihre Ideen aussprechen. Dass sie ausprobieren. Dass sie den Mut haben, auch einmal daneben zu liegen. Denn genau daraus entstehen oft die besten Gedanken. Die schönste Rückmeldung bekomme ich deshalb nicht, wenn ein Bild besonders gelungen ist. Sondern wenn ein Schüler plötzlich sagt:

            „Ach so. Das sieht ja gar nicht so schlecht aus!“

Was lerne ich daraus?

Ich glaube inzwischen nicht mehr, dass Menschen ihre Kreativität verlieren. Ich glaube, sie verlieren oft nur den Mut, sie zu benutzen. Vielleicht beginnt guter Kunstunterricht deshalb gar nicht beim Zeichnen. Sondern bei einem Gefühl:

            „Hier darf ich ausprobieren, ohne Angst davor zu haben, falsch zu liegen.“

Vielleicht brauchen wir genau solche Räume nicht nur in der Schule. Sondern überall dort, wo neue Ideen entstehen sollen.

 

Mein erstes Mobiltelefon – von 1969!

 

Reichweite: Wohnzimmer bis Küche. Apps: Fantasie. Geduld. Gespräche mit niemandem. Datenschutz: absolut. Akku: unendlich. Es war aus Plastik, hatte Räder und wenn ich es hinter mir herzog, klingelte nichts.

            Trotzdem habe ich stundenlang telefoniert.

Mit mir selbst. Mit Neil Armstrong auf dem Mond. Mit Dinosauriern. Mit der Zukunft.

Heute tragen schon Fünftklässler Smartphones in der Hosentasche. Mit Kameras, die besser sind als die ersten Digitalkameras. Mit KI-Filtern und mit Zugang zum gesamten Wissen der Menschheit. Und im Unterricht legen wir sie auf den Tisch. Display nach unten. Stumm.

Ich finde das richtig. Ein Smartphone kann Aufmerksamkeit schneller verschwinden lassen als fast jedes andere Gerät. Aber je länger ich Kunst unterrichte, desto öfter frage ich mich:

            „Reden wir eigentlich genug darüber, wofür dieses Werkzeug gedacht ist?“

Ein Smartphone kann fotografieren, filmen, zeichnen, Musik komponieren., Geschichten erzählen. Es kann Details entdecken, die man sonst übersieht. Original und Bearbeitung vergleichen. Perspektiven sichtbar machen. Über Bilder streiten. Kurz:

            Es kann Kreativität unterstützen.  

Nicht ersetzen. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Aufgabe des Kunstunterrichts. Nicht zu entscheiden, ob Handys erlaubt oder verboten sind. Sondern gemeinsam herauszufinden, wann sie uns beim Denken helfen und wann sie uns vom Denken abhalten. Mein Spielzeugtelefon hatte keine Kamera, kein Internet, keine Likes, keine Benachrichtigungen. Aber es hatte etwas, das ich heute manchmal vermisse:

Zeit. Zeit zum Spielen. Zeit zum Nachdenken. Zeit, aus einer leeren Plastikschachtel ein Raumschiff werden zu lassen. Vielleicht brauchen Kinder deshalb gar nicht zuerst strengere Handyregeln. Vielleicht brauchen sie Erwachsene, die ihnen zeigen, dass jedes Werkzeug seinen richtigen Moment hat.

            Ein Bleistift. Ein Pinsel. Oder eben ein Smartphone.

Was lerne ich daraus?

Ich glaube nicht, dass Smartphones Kreativität zerstören. Aber ich glaube, sie machen eine gute Frage wichtiger denn je:

            „Benutze ich das Werkzeug?“

Oder benutzt das Werkzeug mich? Denn Kreativität beginnt für mich nicht mit der Technik. Sondern mit der Aufmerksamkeit.

Führung ist wie Schauspiel – nur ohne Kostüm

Vor kurzem gab ich wieder einen Workshop zum Thema „Die Aufgabe des Schauspielers“.

Nach einer Übung sagte jemand:

            „Ich finde einfach nicht in die Rolle.“

Ich musste lächeln. Diesen Satz höre ich seit über dreißig Jahren. Und fast jedes Mal denke ich: Eigentlich ist das kein Schauspielproblem. Es ist ein Führungsproblem. Denn gute Schauspieler warten nicht darauf, dass sie irgendwann „in der Rolle“ sind.

Sie arbeiten daran. Sie trainieren ihre Stimme. Sie beobachten Menschen. Sie schärfen ihren Ausdruck. Sie entwickeln eine Biografie für ihre Figur. Sie wissen, warum sie einen Raum betreten. Und warum sie ihn wieder verlassen.

Vor allem aber lernen sie etwas, das in keinem Textbuch steht:

            Präsent sein.

Nicht nur körperlich. Sondern mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit. Mit ihrem Gegenüber. Mit dem Moment. Genau deshalb fasziniert mich Schauspiel seit so vielen Jahren. Denn auf der Bühne merkt man sofort, wenn jemand nur funktioniert. Man sieht die Technik. Man hört die Routine. Aber man fühlt den Menschen nicht.

Und genau dasselbe passiert in Meetings. In Workshops. Im Unterricht. In Gesprächen.

Menschen folgen keiner Stellenbeschreibung. Sie folgen auch keiner perfekten Methode. Sie folgen Menschen, die wirklich da sind. Die zuhören. Die reagieren. Die nicht schon beim nächsten Satz sind, während der andere noch spricht.

Als Moderator, Graphic Recorder oder Lehrer erlebe ich das immer wieder. Die besten Momente entstehen selten, weil jemand die perfekte Methode kennt. Sondern weil plötzlich echte Aufmerksamkeit im Raum entsteht. Dann beginnen Menschen, anders zu denken.

Mutiger zu sprechen. Ehrlicher zu widersprechen. Kreativer zu werden.

Vielleicht liegt genau darin die größte Gemeinsamkeit zwischen Schauspiel und Führung. Beides beginnt nicht mit der Frage:

            „Wie wirke ich?“

Sondern mit einer ganz anderen:

            „Wie kann ich wirklich anwesend sein?“

Was lerne ich daraus?

Je länger ich Theater mache, desto weniger glaube ich, dass Schauspiel etwas mit Verstellen zu tun hat. Eigentlich ist das Gegenteil der Fall. Die besten Schauspieler verstecken sich nicht hinter einer Rolle. Sie finden in ihr etwas Echtes.

Und vielleicht gilt genau das auch für gute Führung. Nicht möglichst überzeugend wirken. Sondern so präsent sein, dass andere sich ebenfalls trauen, präsent zu sein.

Warum ich bis heute lieber zum Flipchart greife als zu PowerPoint

Vor einiger Zeit fragte mich ein Teilnehmer nach einem Workshop:

            „Warum zeichnest du alles live? Du könntest die Folien doch vorher fertig vorbereiten.“

Die Frage ist berechtigt. Und die Antwort lautet:

            „Das meiste bereite ich tatsächlich vor.“

Ich entwickle den Ablauf. Ich zeichne Überschriften. Ich entwerfe Templates. Ich überlege mir, wie zehn Gruppen gleichzeitig arbeiten können, ohne sich gegenseitig im Weg zu stehen.

Ein guter Workshop entsteht nicht aus Improvisation allein. Aber genau dort hört für mich die Vorbereitung auf. Denn irgendwann stellt jemand eine Frage, mit der ich nicht gerechnet habe. Jemand formuliert einen Gedanken, der plötzlich den ganzen Workshop verändert.

Oder zwei Teilnehmer widersprechen sich und gemeinsam entsteht eine Idee, die vorher niemand auf dem Schirm hatte. Dann nehme ich den Stift wieder in die Hand. Nicht, weil ich zeichnen möchte. Sondern weil dieser Gedanke jetzt sichtbar werden soll. Und genau darin liegt für mich der eigentliche Unterschied zu PowerPoint.

Natürlich könnte ich eine neue Folie öffnen. Ein Textfeld einfügen. Eine Grafik verschieben. Aber während ich durch Menüs klicke, passiert etwas Entscheidendes:

Die Aufmerksamkeit verschiebt sich. Nicht mehr zu den Menschen. Sondern zum Computer.

Beim Flipchart ist das anders. Jeder sieht denselben Strich entstehen. Jeder verfolgt denselben Gedanken. Und während ich zeichne, denke ich selbst weiter.

Oft verändert sich die Idee noch, während das Bild entsteht. Ein Pfeil kommt dazu. Ein Symbol verschwindet. Ein Teilnehmer ergänzt etwas. Das Bild wächst mit dem Gespräch. Ein Flipchart zeigt deshalb nicht nur Ergebnisse.

            Ein Flipchart zeigt, wie Denken entsteht.

Genau deshalb liebe ich diese Art zu arbeiten seit so vielen Jahren. Nicht weil Flipcharts schöner wären als PowerPoint. Sondern weil sie mich zwingen, bei den Menschen zu bleiben.

Was lerne ich daraus?

Viele glauben, man müsse besonders gut zeichnen können, um ein Flipchart zu benutzen. Das glaube ich überhaupt nicht.

            Ein paar einfache Symbole. Ein paar saubere Linien. Ein paar Tricks für Schrift, Figuren und  Farben.

Mehr braucht es oft gar nicht. Der eigentliche Mut besteht nicht darin, perfekt zu zeichnen. Sondern darin, den Stift überhaupt in die Hand zu nehmen. Denn in dem Moment, in dem Menschen beginnen, ihre Gedanken sichtbar zu machen, verändert sich etwas. Sie präsentieren nicht mehr nur Ergebnisse. Sie laden andere ein, mitzudenken.

Und genau deshalb heißt mein Onlinekurs seit vielen Jahren „Flipchartheld in 7 Tagen“.

Nicht weil aus jedem Teilnehmer ein Künstler werden soll.

Sondern weil ich Menschen zeigen möchte, wie schnell sie genügend Sicherheit gewinnen können, um ihre Ideen sichtbar zu machen.

Denn ein Flipchartheld zeichnet keine perfekten Bilder.

Er ist nicht der beste Zeichner – aber er hat den Mut, vor den Augen anderer zu denken.

Falls du genau dieses Selbstvertrauen entwickeln möchtest, findest du meinen Onlinekurs „Flipchartheld in 7 Tagen“ hier: https://humorinstitut.smile2.de/flipchartheld-in-einer-woche

Trauer verlangt manchmal nach einem Anfänger

Vor drei Jahren starb meine Mutter. Sie lebte fast fünfzig Jahre am Fuße des Montmartre in Paris.

Wenn ich sie besuchte, gingen wir fast immer denselben Weg. Hinauf zur Sacré-Cœur. Von dort blickten wir über die Dächer der Stadt. Danach ging es weiter zur Place du Tertre, zwischen die Maler. Und irgendwann saßen wir mit einem Kaffee oder einem Pastis auf der Place des Abbesses.

Spätestens dort sprach jemand von uns über Die fabelhafte Welt der Amélie. Und natürlich hörten wir dann sofort den Soundtrack.

Für mich reicht bis heute der erste Akkord von Comptine d’un autre été, und Paris ist wieder da. Er ist meine Proust’sche Madeleine.

Nicht die Gebäude.

Das Gefühl.

Nach ihrem Tod dachte ich zuerst, ich müsste einfach wieder mehr zeichnen. Mehr malen. Mehr gestalten. Schließlich hatte mich die Kunst mein ganzes Leben begleitet. Aber sie half mir nicht. Ich setzte mich an den Zeichentisch, aber nichts passierte. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass mich das, was ich gut konnte, nicht mehr erreichte. Meine Stifte hatten mir nichts zu sagen.

Vor einigen Monaten holte ich das alte Yamaha-Keyboard meines Vaters aus dem Keller. Ich konnte kaum Klavier spielen. Gerade einmal die Tonleitern. Aber genau das war vielleicht der Punkt. Ich musste nicht gut sein. Ich durfte wieder Anfänger sein. Seitdem übe ich fast jeden Tag. Langsam. Ton für Ton. Fehler für Fehler.

Und dann passiert etwas Merkwürdiges.

Beim Üben bekomme ich das Gefühl, dass nicht nur meine Finger lernen. Sondern auch mein Kopf. Als würden irgendwo neue Verbindungen entstehen. Nicht nur zwischen den Tasten. Sondern zwischen Erinnerungen und Zukunft.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich: In schweren Zeiten helfen uns seltener die Fähigkeiten, die wir längst beherrschen. Sondern die, die wir gerade erst entdecken.

Etwas Neues zu lernen bedeutet, den Blick nach vorne zu richten. Nicht die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Sondern ihr einen Platz zu geben, ohne in ihr stehen zu bleiben.

Nicht, weil das Alte unwichtig wäre. Sondern weil Leben immer auch Bewegung ist.

Heute arbeite ich mich an Comptine d’un autre été ab. Mal klingt es schon nach Musik. Mal eher nach Mut. Beides ist in Ordnung. Denn ich glaube inzwischen:

            Trauer verschwindet nicht, wenn wir vergessen. Sie verändert sich, wenn wir ihr eine neue Sprache geben.

Was lerne ich daraus?

Vielleicht brauchen wir in schwierigen Zeiten nicht noch mehr von dem, was wir ohnehin schon können. Vielleicht brauchen wir nicht zuerst neue Antworten. Vielleicht brauchen wir den Mut, noch einmal Anfänger zu sein. Nicht perfekt. Nicht schnell. Einfach bereit, etwas Neues zu lernen.

Denn oft beginnt Heilung genau dort, wo wir aufhören, funktionieren zu wollen. Und stattdessen wieder neugierig werden.