Ich überlege ernsthaft, Radiergummis zu verbieten!

 

Nicht aus Prinzip. Aus Erfahrung.

Ich beobachte im Kunstunterricht immer wieder dieselbe Szene: Ein Strich. Eine kurze Pause. Dann der Griff zum Radiergummi. Noch ein Strich, wieder Zögern, wieder wird radiert.

Ich frage dann: „Warum radierst du das weg?“

Fast immer kommt dieselbe Antwort: „Weil das falsch war.“

Dann frage ich zurück: „Na und? Habe ich gesagt, dass ihr ein richtiges Bild zeichnen sollt?“

In diesem Moment verändert sich etwas. Der Blick richtet sich nicht mehr auf das Bild, sondern auf den Fehler. Es geht nicht mehr ums Zeichnen, sondern ums Vermeiden. Plötzlich existieren nur noch zwei Kategorien: richtig oder falsch, schön oder hässlich.

Dabei sind es oft gerade die vermeintlich falschen Linien, die eine Zeichnung lebendig machen. Sie zeigen, wie jemand denkt, sucht, ausprobiert und langsam seinen eigenen Weg findet.

An meiner Zeichnung „Zentaur, sich selbst abwerfend“ gefällt mir bis heute genau diese Suchbewegung. Man kann verfolgen, wie ich die Beinstellung gefunden habe. Nicht trotz der vielen Linien, sondern wegen ihnen. Wenn alles sauber ist, ist oft nichts mehr lebendig.

Was lerne ich daraus?

Vielleicht ist der Radiergummi gar kein Werkzeug. Vielleicht ist er eine Haltung.

Die Haltung, dass Fehler verschwinden müssen, bevor überhaupt etwas entstehen darf.

Mit drei Jahren hätten Kinder keinen Radiergummi gebraucht. Damals gab es weder richtig noch falsch. Da gab es nur ein begeistertes: „Schau mal!“

Vielleicht verlieren wir später gar nicht unsere Kreativität. Vielleicht lernen wir nur, sie ständig zu korrigieren.

Deshalb frage ich mich inzwischen ernsthaft: Brauchen wir im Kunstunterricht wirklich Radiergummis? Oder sollten wir manchmal erst lernen, ohne sie zu zeichnen?

Mich interessiert eure Meinung.

Führung ist wie Schauspiel – nur ohne Kostüm

Vor kurzem gab ich wieder einen Workshop zum Thema „Die Aufgabe des Schauspielers“.

Nach einer Übung sagte jemand:

            „Ich finde einfach nicht in die Rolle.“

Ich musste lächeln. Diesen Satz höre ich seit über dreißig Jahren. Und fast jedes Mal denke ich: Eigentlich ist das kein Schauspielproblem. Es ist ein Führungsproblem. Denn gute Schauspieler warten nicht darauf, dass sie irgendwann „in der Rolle“ sind.

Sie arbeiten daran. Sie trainieren ihre Stimme. Sie beobachten Menschen. Sie schärfen ihren Ausdruck. Sie entwickeln eine Biografie für ihre Figur. Sie wissen, warum sie einen Raum betreten. Und warum sie ihn wieder verlassen.

Vor allem aber lernen sie etwas, das in keinem Textbuch steht:

            Präsent sein.

Nicht nur körperlich. Sondern mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit. Mit ihrem Gegenüber. Mit dem Moment. Genau deshalb fasziniert mich Schauspiel seit so vielen Jahren. Denn auf der Bühne merkt man sofort, wenn jemand nur funktioniert. Man sieht die Technik. Man hört die Routine. Aber man fühlt den Menschen nicht.

Und genau dasselbe passiert in Meetings. In Workshops. Im Unterricht. In Gesprächen.

Menschen folgen keiner Stellenbeschreibung. Sie folgen auch keiner perfekten Methode. Sie folgen Menschen, die wirklich da sind. Die zuhören. Die reagieren. Die nicht schon beim nächsten Satz sind, während der andere noch spricht.

Als Moderator, Graphic Recorder oder Lehrer erlebe ich das immer wieder. Die besten Momente entstehen selten, weil jemand die perfekte Methode kennt. Sondern weil plötzlich echte Aufmerksamkeit im Raum entsteht. Dann beginnen Menschen, anders zu denken.

Mutiger zu sprechen. Ehrlicher zu widersprechen. Kreativer zu werden.

Vielleicht liegt genau darin die größte Gemeinsamkeit zwischen Schauspiel und Führung. Beides beginnt nicht mit der Frage:

            „Wie wirke ich?“

Sondern mit einer ganz anderen:

            „Wie kann ich wirklich anwesend sein?“

Was lerne ich daraus?

Je länger ich Theater mache, desto weniger glaube ich, dass Schauspiel etwas mit Verstellen zu tun hat. Eigentlich ist das Gegenteil der Fall. Die besten Schauspieler verstecken sich nicht hinter einer Rolle. Sie finden in ihr etwas Echtes.

Und vielleicht gilt genau das auch für gute Führung. Nicht möglichst überzeugend wirken. Sondern so präsent sein, dass andere sich ebenfalls trauen, präsent zu sein.

Warum ich bis heute lieber zum Flipchart greife als zu PowerPoint

Vor einiger Zeit fragte mich ein Teilnehmer nach einem Workshop:

            „Warum zeichnest du alles live? Du könntest die Folien doch vorher fertig vorbereiten.“

Die Frage ist berechtigt. Und die Antwort lautet:

            „Das meiste bereite ich tatsächlich vor.“

Ich entwickle den Ablauf. Ich zeichne Überschriften. Ich entwerfe Templates. Ich überlege mir, wie zehn Gruppen gleichzeitig arbeiten können, ohne sich gegenseitig im Weg zu stehen.

Ein guter Workshop entsteht nicht aus Improvisation allein. Aber genau dort hört für mich die Vorbereitung auf. Denn irgendwann stellt jemand eine Frage, mit der ich nicht gerechnet habe. Jemand formuliert einen Gedanken, der plötzlich den ganzen Workshop verändert.

Oder zwei Teilnehmer widersprechen sich und gemeinsam entsteht eine Idee, die vorher niemand auf dem Schirm hatte. Dann nehme ich den Stift wieder in die Hand. Nicht, weil ich zeichnen möchte. Sondern weil dieser Gedanke jetzt sichtbar werden soll. Und genau darin liegt für mich der eigentliche Unterschied zu PowerPoint.

Natürlich könnte ich eine neue Folie öffnen. Ein Textfeld einfügen. Eine Grafik verschieben. Aber während ich durch Menüs klicke, passiert etwas Entscheidendes:

Die Aufmerksamkeit verschiebt sich. Nicht mehr zu den Menschen. Sondern zum Computer.

Beim Flipchart ist das anders. Jeder sieht denselben Strich entstehen. Jeder verfolgt denselben Gedanken. Und während ich zeichne, denke ich selbst weiter.

Oft verändert sich die Idee noch, während das Bild entsteht. Ein Pfeil kommt dazu. Ein Symbol verschwindet. Ein Teilnehmer ergänzt etwas. Das Bild wächst mit dem Gespräch. Ein Flipchart zeigt deshalb nicht nur Ergebnisse.

            Ein Flipchart zeigt, wie Denken entsteht.

Genau deshalb liebe ich diese Art zu arbeiten seit so vielen Jahren. Nicht weil Flipcharts schöner wären als PowerPoint. Sondern weil sie mich zwingen, bei den Menschen zu bleiben.

Was lerne ich daraus?

Viele glauben, man müsse besonders gut zeichnen können, um ein Flipchart zu benutzen. Das glaube ich überhaupt nicht.

            Ein paar einfache Symbole. Ein paar saubere Linien. Ein paar Tricks für Schrift, Figuren und  Farben.

Mehr braucht es oft gar nicht. Der eigentliche Mut besteht nicht darin, perfekt zu zeichnen. Sondern darin, den Stift überhaupt in die Hand zu nehmen. Denn in dem Moment, in dem Menschen beginnen, ihre Gedanken sichtbar zu machen, verändert sich etwas. Sie präsentieren nicht mehr nur Ergebnisse. Sie laden andere ein, mitzudenken.

Und genau deshalb heißt mein Onlinekurs seit vielen Jahren „Flipchartheld in 7 Tagen“.

Nicht weil aus jedem Teilnehmer ein Künstler werden soll.

Sondern weil ich Menschen zeigen möchte, wie schnell sie genügend Sicherheit gewinnen können, um ihre Ideen sichtbar zu machen.

Denn ein Flipchartheld zeichnet keine perfekten Bilder.

Er ist nicht der beste Zeichner – aber er hat den Mut, vor den Augen anderer zu denken.

Falls du genau dieses Selbstvertrauen entwickeln möchtest, findest du meinen Onlinekurs „Flipchartheld in 7 Tagen“ hier: https://humorinstitut.smile2.de/flipchartheld-in-einer-woche