Ich überlege ernsthaft, Radiergummis zu verbieten!

 

Nicht aus Prinzip. Aus Erfahrung.

Ich beobachte im Kunstunterricht immer wieder dieselbe Szene: Ein Strich. Eine kurze Pause. Dann der Griff zum Radiergummi. Noch ein Strich, wieder Zögern, wieder wird radiert.

Ich frage dann: „Warum radierst du das weg?“

Fast immer kommt dieselbe Antwort: „Weil das falsch war.“

Dann frage ich zurück: „Na und? Habe ich gesagt, dass ihr ein richtiges Bild zeichnen sollt?“

In diesem Moment verändert sich etwas. Der Blick richtet sich nicht mehr auf das Bild, sondern auf den Fehler. Es geht nicht mehr ums Zeichnen, sondern ums Vermeiden. Plötzlich existieren nur noch zwei Kategorien: richtig oder falsch, schön oder hässlich.

Dabei sind es oft gerade die vermeintlich falschen Linien, die eine Zeichnung lebendig machen. Sie zeigen, wie jemand denkt, sucht, ausprobiert und langsam seinen eigenen Weg findet.

An meiner Zeichnung „Zentaur, sich selbst abwerfend“ gefällt mir bis heute genau diese Suchbewegung. Man kann verfolgen, wie ich die Beinstellung gefunden habe. Nicht trotz der vielen Linien, sondern wegen ihnen. Wenn alles sauber ist, ist oft nichts mehr lebendig.

Was lerne ich daraus?

Vielleicht ist der Radiergummi gar kein Werkzeug. Vielleicht ist er eine Haltung.

Die Haltung, dass Fehler verschwinden müssen, bevor überhaupt etwas entstehen darf.

Mit drei Jahren hätten Kinder keinen Radiergummi gebraucht. Damals gab es weder richtig noch falsch. Da gab es nur ein begeistertes: „Schau mal!“

Vielleicht verlieren wir später gar nicht unsere Kreativität. Vielleicht lernen wir nur, sie ständig zu korrigieren.

Deshalb frage ich mich inzwischen ernsthaft: Brauchen wir im Kunstunterricht wirklich Radiergummis? Oder sollten wir manchmal erst lernen, ohne sie zu zeichnen?

Mich interessiert eure Meinung.