Beiträge

Ich überlege ernsthaft, Radiergummis zu verbieten!

 

Nicht aus Prinzip. Aus Erfahrung.

Ich beobachte im Kunstunterricht immer wieder dieselbe Szene: Ein Strich. Eine kurze Pause. Dann der Griff zum Radiergummi. Noch ein Strich, wieder Zögern, wieder wird radiert.

Ich frage dann: „Warum radierst du das weg?“

Fast immer kommt dieselbe Antwort: „Weil das falsch war.“

Dann frage ich zurück: „Na und? Habe ich gesagt, dass ihr ein richtiges Bild zeichnen sollt?“

In diesem Moment verändert sich etwas. Der Blick richtet sich nicht mehr auf das Bild, sondern auf den Fehler. Es geht nicht mehr ums Zeichnen, sondern ums Vermeiden. Plötzlich existieren nur noch zwei Kategorien: richtig oder falsch, schön oder hässlich.

Dabei sind es oft gerade die vermeintlich falschen Linien, die eine Zeichnung lebendig machen. Sie zeigen, wie jemand denkt, sucht, ausprobiert und langsam seinen eigenen Weg findet.

An meiner Zeichnung „Zentaur, sich selbst abwerfend“ gefällt mir bis heute genau diese Suchbewegung. Man kann verfolgen, wie ich die Beinstellung gefunden habe. Nicht trotz der vielen Linien, sondern wegen ihnen. Wenn alles sauber ist, ist oft nichts mehr lebendig.

Was lerne ich daraus?

Vielleicht ist der Radiergummi gar kein Werkzeug. Vielleicht ist er eine Haltung.

Die Haltung, dass Fehler verschwinden müssen, bevor überhaupt etwas entstehen darf.

Mit drei Jahren hätten Kinder keinen Radiergummi gebraucht. Damals gab es weder richtig noch falsch. Da gab es nur ein begeistertes: „Schau mal!“

Vielleicht verlieren wir später gar nicht unsere Kreativität. Vielleicht lernen wir nur, sie ständig zu korrigieren.

Deshalb frage ich mich inzwischen ernsthaft: Brauchen wir im Kunstunterricht wirklich Radiergummis? Oder sollten wir manchmal erst lernen, ohne sie zu zeichnen?

Mich interessiert eure Meinung.

An zwei Tagen pro Woche Kunstlehrer an einem Gymnasium

Seit Februar 2025 unterrichte ich an zwei Tagen pro Woche Kunst an einem Gymnasium. Das ist meine erste Festanstellung und ich bin 60.

Seit Jahren höre ich auf Workshops und Konferenzen denselben Satz:

            „Ich kann so etwas nicht. Ich war schon in der Schule schlecht im Zeichnen.“

Seit ich unterrichte, frage ich mich immer öfter:

            Woher kommt dieser Satz eigentlich?

Denn keines der Kinder in der 5. Klasse kommt mit der Überzeugung in den Kunstunterricht, nicht zeichnen zu können. Sie zeichnen einfach. Sie mischen Farben. Sie bauen. Sie experimentieren. Wenn aus Gelb und Blau erst einmal eine braune Soße wird, lachen sie kurz und probieren weiter.

Für sie ist das kein Fehler. Sondern ein Lernschritt. Im Laufe der Monate habe ich etwas gelernt:

            „Falsch“ ist im Kunstunterricht ein erstaunlich nutzloses Wort.

Natürlich kann ich zeigen, wie Perspektive funktioniert. Wie man Farben mischt oder eine Figur konstruiert. Aber Kunst entsteht nicht dadurch, dass jemand alles richtig macht. Sondern dadurch, dass jemand den Mut hat, etwas auszuprobieren.

Mit den Jahren scheint diese Neugier zu verschwinden. Bei den älteren Schülerinnen und Schülern verändert sich etwas. Viele fragen nicht mehr:

            „Was passiert, wenn ich das so mache?“

Sondern:

            „Wie macht man das richtig?“

Oder:

            „Reicht das für eine gute Note?“

Plötzlich geht es nicht mehr um Neugier. Sondern um Sicherheit. Nicht mehr um Entdecken. Sondern darum, möglichst wenig falsch zu machen. Dabei wünsche ich mir etwas ganz anderes.

Dass diese Kinder später in Meetings sitzen und sich nicht kleinmachen. Dass sie ihre Ideen aussprechen. Dass sie ausprobieren. Dass sie den Mut haben, auch einmal daneben zu liegen. Denn genau daraus entstehen oft die besten Gedanken. Die schönste Rückmeldung bekomme ich deshalb nicht, wenn ein Bild besonders gelungen ist. Sondern wenn ein Schüler plötzlich sagt:

            „Ach so. Das sieht ja gar nicht so schlecht aus!“

Was lerne ich daraus?

Ich glaube inzwischen nicht mehr, dass Menschen ihre Kreativität verlieren. Ich glaube, sie verlieren oft nur den Mut, sie zu benutzen. Vielleicht beginnt guter Kunstunterricht deshalb gar nicht beim Zeichnen. Sondern bei einem Gefühl:

            „Hier darf ich ausprobieren, ohne Angst davor zu haben, falsch zu liegen.“

Vielleicht brauchen wir genau solche Räume nicht nur in der Schule. Sondern überall dort, wo neue Ideen entstehen sollen.

 

Was Kung-Fu mich über Storytelling gelehrt hat

Ein Kung-Fu-Jubiläum.

Als mich die Wing-Tsun-Schule als Schnellporträtzeichner für ihr zehnjähriges Jubiläum engagierte, dachte ich zunächst: Hey, mal kein Graphic Recording!Keine Workshops. Keine Moderation. Keine komplexen Zusammenhänge. Nur ein Mensch. Ein Blatt Papier. Ein schwarzer Tombow-Stift. Entspannter geht’s doch kaum.

Dachte ich.

Der Veranstalter begrüßte mich mit einem Satz, den ich zunächst überhaupt nicht verstand.

            „Jeder deiner Striche ist wie ein Schlag.“

Ich nickte höflich. Innerlich dachte ich: Aha, interessanter Vergleich!

Doch während ich die ersten Gesichter zeichnete, wurde mir langsam klar, was er meinte. Ein guter Kung-Fu-Kämpfer verschwendet keine Bewegung. Ein guter Zeichner auch nicht.

Schnellzeichnen ist keine Geschwindigkeit.

Viele glauben, Schnellzeichnen bedeute, möglichst schnell einen Stift über das Papier zu bewegen. Das Gegenteil ist richtig. Schnellzeichnen bedeutet wegzulassen. Nicht jede Falte. Nicht jedes Haar. Nicht jede Brille. Sondern genau die wenigen Linien zu finden, die einen Menschen unverwechselbar machen.

            Diese Reduktion ist keine Vereinfachung. Sie ist Konzentration.

Genau das ist Storytelling.

Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir: Eigentlich mache ich immer dasselbe. Ob ich

  • einen Workshop moderiere,
  • ein Graphic Recording zeichne,
  • einen Erklärfilm entwickle,
  • auf einer Bühne Regie führe
  • oder Schnellporträts zeichne.

Es geht nie um die Technik. Es geht immer darum, das Wesentliche sichtbar zu machen.

Vier Lektionen aus dem Kung-Fu

1. Übung schlägt Talent.

Von außen sieht alles leicht aus. Ein guter Zeichner braucht wenige Minuten. Ein Kung-Fu-Meister wenige Sekunden. Doch hinter dieser scheinbaren Mühelosigkeit stecken tausende Wiederholungen. Routine ist nichts anderes als gespeicherte Erfahrung.

2. Präzision schlägt Geschwindigkeit.

Je hektischer ich zeichne, desto schlechter wird das Ergebnis. Je klarer mein Blick, desto weniger Linien brauche ich. Das gilt genauso für Moderation. Nicht möglichst viel reden. Sondern den einen Satz finden, der Orientierung gibt.

3. Fokus schlägt Perfektion.

Während eines Porträts gibt es unendlich viele Informationen. Augen. Mund. Ohren. Haare. Falten. Licht. Schatten. Die eigentliche Kunst besteht darin zu entscheiden, was ich bewusst ignoriere.

Diese Fähigkeit brauche ich genauso in Workshops. Oder beim Schreiben. Oder beim Entwickeln einer Geschichte.

4. Vertrauen schlägt Kontrolle.

Jeder Zeichner kennt diesen Moment. Man setzt einen Strich. Und danach gibt es kein Zurück. Das ist beängstigend. Und gleichzeitig befreiend. Man muss dem eigenen Blick vertrauen. Dem Prozess. Der Erfahrung. Vielleicht ist genau das die größte Gemeinsamkeit zwischen Kung-Fu und kreativem Arbeiten.

Deshalb heißt mein Unternehmen „Art of Storytelling“

Viele fragen mich, warum ich mein Unternehmen nicht einfach „The Art of Graphic Recording“ oder „The Art of Visualisation“ genannt habe. Weil Graphic Recording nur eines meiner Werkzeuge ist. Genauso wie Workshops.

Regie. Illustration. Erklärfilme. Schnellzeichnen.

Der rote Faden dahinter ist immer derselbe:

            Die Suche nach dem Detail, das den Menschen unverwechselbar macht.

Genau danach suche ich während eines Workshops. Und beim Schreiben, beim Entwickeln neuer Ideen – nicht möglichst viele Bilder. Sondern die richtigen. Nicht möglichst viele Worte. Sondern die entscheidenden.

Was nehme ich aus diesem Abend mit?

Ich war als Schnellzeichner eingeladen. Nach Hause gefahren bin ich mit einer Erinnerung daran, worum es in meiner Arbeit eigentlich geht. Nicht um Zeichnungen. Nicht um Workshops. Nicht um Methoden. Sondern um den Moment, in dem plötzlich etwas klar wird.

Für mein Gegenüber. Und manchmal auch für mich.

Danke für die Fotos von Andy Pfaller

Wann haben wir eigentlich aufgehört Künstler zu sein?

„Ach, ich wünschte, ich könnte auch so schön zeichnen wie Sie. Ich bin völlig unbegabt.“

Diesen Satz höre ich erstaunlich oft. Auf Management-Konferenzen. In Workshops. Beim Graphic Recording. Fast jedes Mal sagt ihn jemand. Und fast jedes Mal frage ich mich dasselbe:

            „Wann genau beschließen wir eigentlich, dass wir unkreativ sind?“

Ich habe jedenfalls noch nie erlebt, dass ein kleines Kind vor einem Blatt Papier sitzt und sagt:

            „Ich kann leider nicht malen.“

Kinder zeichnen einfach. Sie erfinden Tiere, die es gar nicht gibt. Häuser mit schiefen Dächern. Menschen mit vier Fingern. Sonnen mit Gesichtern. Niemand entschuldigt sich. Niemand fragt, ob das richtig ist.

Irgendwann verändert sich etwas.

Ein Bild wird bewertet. Ein Vergleich beginnt. Plötzlich geht es nicht mehr darum, etwas auszuprobieren, sondern darum, etwas richtig zu machen. Aus Spielfreude wird Selbstkritik. Aus Neugier wird Vorsicht.

Und Jahre später sitzen dieselben Menschen vor mir und sagen:

            „Ich bin leider überhaupt nicht kreativ.“

Ich glaube ihnen das nicht. Nicht einen Moment. Denn Kreativität verschwindet nicht einfach. Sie wird oft nur über viele Jahre hinweg zugeschüttet. Von Noten. Von Vergleichen. Von der Angst, sich zu blamieren. Von dem Gedanken, dass Kunst etwas für Begabte sei.

Dabei ist Zeichnen viel weniger ein Talent als eine Sprache. Eine Sprache, die wir alle einmal gesprochen haben. Deshalb liebe ich meine Arbeit als Graphic Recorder so sehr.

Ich zeichne nicht, um bessere Bilder als andere zu produzieren. Ich zeichne, damit Gedanken sichtbar werden. Damit aus einem flüchtigen Satz eine Idee wird, über die Menschen gemeinsam nachdenken können. Oft erlebt jemand zum ersten Mal, wie seine Gedanken auf einer großen Wand Gestalt annehmen. Und plötzlich passiert etwas Erstaunliches: Er erkennt sich darin wieder.

Vielleicht beginnt Kreativität genau dort.

Nicht mit einem außergewöhnlichen Talent. Sondern mit dem Mut, den ersten Strich zu machen.

Pablo Picasso hat einmal gesagt:

            „Jedes Kind ist ein Künstler. Das Problem ist, ein Künstler zu bleiben, wenn man erwachsen wird.“

Ich weiß, er hatte recht. Heute Abend habe ich eine kleine Einladung für euch.

Nehmt euch ein Blatt Papier. Zeichnet ein Gesicht. Einen Hund. Ein Haus. Einen Baum. Ganz egal.

Nicht, um jemandem zu gefallen.

Nicht, um ein Kunstwerk zu schaffen.

Sondern um herauszufinden, ob eure Kreativität wirklich verschwunden ist.

Oder ob sie die ganze Zeit nur darauf gewartet hat, dass ihr ihr wieder eine Chance gebt.