Wann haben wir eigentlich aufgehört Künstler zu sein?

„Ach, ich wünschte, ich könnte auch so schön zeichnen wie Sie. Ich bin völlig unbegabt.“

Diesen Satz höre ich erstaunlich oft. Auf Management-Konferenzen. In Workshops. Beim Graphic Recording. Fast jedes Mal sagt ihn jemand. Und fast jedes Mal frage ich mich dasselbe:

            „Wann genau beschließen wir eigentlich, dass wir unkreativ sind?“

Ich habe jedenfalls noch nie erlebt, dass ein kleines Kind vor einem Blatt Papier sitzt und sagt:

            „Ich kann leider nicht malen.“

Kinder zeichnen einfach. Sie erfinden Tiere, die es gar nicht gibt. Häuser mit schiefen Dächern. Menschen mit vier Fingern. Sonnen mit Gesichtern. Niemand entschuldigt sich. Niemand fragt, ob das richtig ist.

Irgendwann verändert sich etwas.

Ein Bild wird bewertet. Ein Vergleich beginnt. Plötzlich geht es nicht mehr darum, etwas auszuprobieren, sondern darum, etwas richtig zu machen. Aus Spielfreude wird Selbstkritik. Aus Neugier wird Vorsicht.

Und Jahre später sitzen dieselben Menschen vor mir und sagen:

            „Ich bin leider überhaupt nicht kreativ.“

Ich glaube ihnen das nicht. Nicht einen Moment. Denn Kreativität verschwindet nicht einfach. Sie wird oft nur über viele Jahre hinweg zugeschüttet. Von Noten. Von Vergleichen. Von der Angst, sich zu blamieren. Von dem Gedanken, dass Kunst etwas für Begabte sei.

Dabei ist Zeichnen viel weniger ein Talent als eine Sprache. Eine Sprache, die wir alle einmal gesprochen haben. Deshalb liebe ich meine Arbeit als Graphic Recorder so sehr.

Ich zeichne nicht, um bessere Bilder als andere zu produzieren. Ich zeichne, damit Gedanken sichtbar werden. Damit aus einem flüchtigen Satz eine Idee wird, über die Menschen gemeinsam nachdenken können. Oft erlebt jemand zum ersten Mal, wie seine Gedanken auf einer großen Wand Gestalt annehmen. Und plötzlich passiert etwas Erstaunliches: Er erkennt sich darin wieder.

Vielleicht beginnt Kreativität genau dort.

Nicht mit einem außergewöhnlichen Talent. Sondern mit dem Mut, den ersten Strich zu machen.

Pablo Picasso hat einmal gesagt:

            „Jedes Kind ist ein Künstler. Das Problem ist, ein Künstler zu bleiben, wenn man erwachsen wird.“

Ich weiß, er hatte recht. Heute Abend habe ich eine kleine Einladung für euch.

Nehmt euch ein Blatt Papier. Zeichnet ein Gesicht. Einen Hund. Ein Haus. Einen Baum. Ganz egal.

Nicht, um jemandem zu gefallen.

Nicht, um ein Kunstwerk zu schaffen.

Sondern um herauszufinden, ob eure Kreativität wirklich verschwunden ist.

Oder ob sie die ganze Zeit nur darauf gewartet hat, dass ihr ihr wieder eine Chance gebt.