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Was ein Graphic Recording sichtbar machen kann

Ich hatte noch nicht einmal angefangen!

Die Papierrolle hing gerade an der Wand, die Stifte lagen bereit. Schon während meiner Vorbereitung war zu spüren, dass etwas in der Luft lag.

Eine deutsche Versicherung hatte mit einer österreichischen fusioniert. Unter deutscher Leitung. Bei einer gemeinsamen Veranstaltung in Wien sollte es um die Zukunft des neuen Unternehmens gehen.

Ich war als Graphic Recorder gebucht und sollte die Veranstaltung visuell begleiten.

Dann begann die Keynote des deutschen Vorstands.

Nach ungefähr fünf Minuten eskalierte die Situation.

Wenn aus einer Veranstaltung plötzlich ein Konflikt wird

Die österreichischen Mitarbeiter machten ihrem Ärger Luft. Laut und unmissverständlich. Die deutsche Seite reagierte. Innerhalb kürzester Zeit entwickelte sich eine heftige Auseinandersetzung.

Und ich stand vor meiner noch fast weißen Papierbahn. Was sollte ich tun? Nur die offiziellen Botschaften visualisieren? Die freundlichen Formulierungen aus der Präsentation?

Oder das, was tatsächlich im Raum passierte? Für mich war die Sache eigentlich klar.

Genau das hätte aufs Papier gemusst.

Nicht als Karikatur der Beteiligten. Nicht als Bewertung. Und schon gar nicht, um jemanden bloßzustellen.

Sondern als sichtbares Protokoll dessen, was gerade geschah.

Die unterschiedlichen Positionen. Die Widersprüche. Die Befürchtungen. Die Vorwürfe. Auch erste Gemeinsamkeiten.

Ich wollte weiterzeichnen.

Der Auftraggeber entschied anders.

Das Graphic Recording wurde abgebrochen.

Was wäre passiert, wenn ich weitergezeichnet hätte?

Diese Frage beschäftigt mich bis heute.

Natürlich weiß ich nicht, ob die Visualisierung geholfen hätte. Vielleicht wäre die Situation trotzdem eskaliert. Vielleicht hätte sich in diesem Moment auch niemand auf ein gemeinsames Bild einlassen wollen.

Aber genau darin liegt für mich eine oft unterschätzte Möglichkeit des Graphic Recordings:

Ein Konflikt kann einen Ort bekommen.

Solange zwei Menschen oder zwei Gruppen miteinander streiten, steht der Gegner gewissermaßen direkt vor ihnen.

Du gegen mich.

Wir gegen die.

Deutschland gegen Österreich.

In dem Moment, in dem die unterschiedlichen Sichtweisen auf einer gemeinsamen Fläche erscheinen, verändert sich etwas.

Das Problem hängt plötzlich an der Wand.

Alle können darauf schauen.

Das Bild wird zum Dritten im Raum

Das ist die eigentliche Kraft einer Visualisierung.

Sie löst den Konflikt nicht. Aber sie kann ihn aus der direkten Konfrontation herausholen.

Aus:

„Du verstehst überhaupt nicht, worum es uns geht!“

kann irgendwann die Frage werden:

„Ist das hier überhaupt das, worüber wir gerade wirklich streiten?“

Das ist ein erheblicher Unterschied.

Denn ein Bild zwingt zur Konkretisierung.

Was wurde tatsächlich gesagt?

Wo widersprechen sich Aussagen?

Welche Begriffe tauchen immer wieder auf?

Welche Befürchtungen stehen hinter den Positionen?

Und plötzlich entdeckt man sogar etwas, das beide Seiten verbindet.

Das Graphic Recording wäre dann nicht mehr nur die Dokumentation einer Veranstaltung.

Es würde zum Arbeitsmaterial.

Aber Graphic Recording ist keine Mediation

Das ist mir ganz wichtig.

Ein Graphic Recorder ist nicht automatisch Konfliktmoderator. Und ein Bild kann keinen Konflikt lösen, nur weil jemand Pfeile, Figuren und Sprechblasen auf ein großes Blatt Papier zeichnet.

Bei einer derart aufgeladenen Situation wie damals in Wien hätte es vermutlich eine unabhängige und erfahrene Moderation gebraucht.

Vielleicht sogar eine Unterbrechung.

Raus aus dem Raum. Durchatmen. Neu sortieren.

Und anschließend hätte man mit der entstandenen Visualisierung weiterarbeiten können.

Das Bild wäre nicht die Lösung gewesen.

Aber ein Ausgangspunkt.

Hübsche Dokumentation oder Werkzeug?

Graphic Recording wird häufig als visuelle Dokumentation verstanden.

Am Ende einer Tagung hängt ein großes, buntes Bild an der Wand. Menschen bleiben davor stehen, fotografieren es mit dem Smartphone und entdecken Aussagen wieder, die sie einige Stunden zuvor gehört haben.

Das ist vollkommen legitim.

Aber die Methode kann mehr.

Eine Visualisierung kann Zusammenhänge herstellen.

Sie kann Widersprüche nebeneinanderstellen.

Sie kann etwas sichtbar machen, das in vielen einzelnen Wortbeiträgen verborgen bleibt.

Und manchmal kann sie sogar zeigen, dass die offizielle Geschichte einer Veranstaltung nicht dieselbe ist wie die Geschichte, die gerade tatsächlich im Raum stattfindet.

Dann wird es natürlich unbequem.

Aber möglicherweise beginnt genau dort die interessante Arbeit.

Die leere Papierbahn

An jenem Tag in Wien blieb meine Papierbahn weitgehend leer.

Lange empfand ich das als vertane Chance.

Heute sehe ich auch diese leere Fläche ein wenig anders.

Vielleicht erzählt sogar sie etwas über diese Veranstaltung.

Es gab offensichtlich vieles, was gesagt werden musste.

Aber es sollte nicht sichtbar werden.

Und damit komme ich zu einer Frage, die ich mir heute vor einem Graphic Recording viel häufiger stelle:

Nicht nur:

Was sollen wir festhalten?

Sondern:

Womit wollen wir anschließend weiterarbeiten?

Denn ein Graphic Recording ist dann am wertvollsten, wenn es am Ende nicht einfach nur an der Wand hängt.

Sondern wenn die Menschen davor stehen bleiben und miteinander ins Gespräch kommen.

Ich zeichne keine Bilder – ich zeichne Ziele!

 

Vor einiger Zeit bat mich ein Industrieunternehmen, seine Zukunft zu zeichnen. Nicht zu illustrieren. Zu zeichnen. Live. Gemeinsam. Mit den Menschen im Raum.

Der entscheidende Unterschied

Viele glauben, Graphic Recording bedeutet, Inhalte hübsch zu visualisieren. Für mich beginnt die Arbeit viel früher. Ich setze keine fertigen PowerPoint-Folien um. Ich stelle Fragen. Immer wieder. Fragen, die Bilder erzeugen statt Floskeln. Denn:

„Wir wollen innovativer werden.“

ergibt kein Bild.

Aber:

„Was sehen wir in zehn Jahren, das heute noch unmöglich erscheint?“

Schon entsteht eine gemeinsame Vorstellung.

Aus Worten werden Bilder

In diesem Workshop entstand unten links das Flugzeug von Blériot. Darüber die Enterprise aus Star Trek. Beides stand für denselben Gedanken:

Aufbruch in unbekannte Welten.

In dem Moment, als die Teilnehmer ihre eigene Strategie in dieser Bildwelt wiedererkannten, veränderte sich die Stimmung im Raum. Das vergesse ich bis heute nicht.

Eine Folie erklärt. Ein Bild erinnert.

Eine Präsentation verschwindet meist nach dem Meeting. Ein gemeinsames Bild bleibt. Es hängt an der Wand. Man geht Wochen oder Monate später daran vorbei und entdeckt neue Zusammenhänge. Genau darin liegt seine Stärke.

Gerade deshalb wird KI Zielbilder nicht ersetzen.

Künstliche Intelligenz kann beeindruckende Bilder erzeugen. Sie kann Texte zusammenfassen. Sie kann Ideen visualisieren. Aber sie steht nicht mit zwanzig Menschen in einem Raum. Sie hört keine Zwischentöne. Sie stellt nicht die Frage, die plötzlich einen völlig neuen Gedanken auslöst. Ein Zielbild entsteht nicht am Schreibtisch. Es entsteht im Gespräch.

Deshalb glaube ich:

Zielbilder werden in Zukunft wichtiger. Nicht unwichtiger.

Denn je mehr Informationen KI produziert, desto wichtiger wird ein gemeinsames Bild, das Orientierung gibt.

Wenn Sie für Ihr Unternehmen ein Zielbild entwickeln möchten, sprechen Sie mich gerne an.

Was lerne ich daraus?

Zielbilder entstehen dadurch, dass Menschen gemeinsam die richtigen Fragen stellen. Eine KI kann Bilder generieren, aber sie kann nicht im Raum stehen. Sie hört keine Zwischentöne. Sie spürt keine Unsicherheit. Und sie erkennt nicht den Moment, in dem plötzlich alle nicken, weil eine gemeinsame Vorstellung entstanden ist. Deshalb glaube ich:

Zielbilder werden wichtiger. Nicht unwichtiger.

Je mehr Informationen KI produziert, desto wichtiger wird ein gemeinsames Bild, das Orientierung gibt.

Es gibt einen Moment beim Graphic Recording, der mich jedes Mal überrascht!

Stell dir einen Seminarraum mit sechzig, manchmal hundert Menschen vor!

Jemand präsentiert Folien. Es wird diskutiert, argumentiert und ergänzt. Jeder bringt noch einen Gedanken ein. Von außen betrachtet wirkt alles wie ein ganz normales Meeting.

Dann stelle ich mein Papier auf. Ich schreibe eine Überschrift. Zeichne das erste Symbol. Verbinde zwei Gedanken mit einem Pfeil. Und plötzlich verändert sich der Raum.

Die Gespräche werden leiser. Menschen stehen auf. Sie drehen sich um und schauen nicht mehr auf den Vortragenden, sondern auf das Bild, das gerade entsteht.

Nicht, weil ich besonders schön zeichne. Sondern weil sie zum ersten Mal sehen können, wie ihre Gedanken sichtbar werden. Ein Gedanke, der eben noch nur in den Köpfen existierte, bekommt plötzlich eine Form. Und genau in diesem Moment passiert etwas Erstaunliches.

Menschen beginnen, ihre eigenen Gedanken zu überprüfen.

            „Moment … so haben wir das eigentlich gar nicht gemeint.“

Oder:

           „Jetzt sehe ich erst, dass diese beiden Punkte zusammengehören.“

Oder ganz besonders:

            „Ich hätte nie gedacht, dass man sogar ein virtuelles Produkt wie unseres als Bild darstellen kann!“

Das Bild hält das Gespräch also nicht einfach nur fest. Es verändert das Gespräch. Denn sobald ein Gedanke sichtbar wird, muss er sich bewähren. Plötzlich erkennt jeder Widersprüche, Lücken oder neue Zusammenhänge. Das ist für mich bis heute der faszinierendste Moment beim Graphic Recording. Nicht das Zeichnen. Sondern der Augenblick, in dem Denken sichtbar wird.

Deshalb glaube ich inzwischen, dass Graphic Recording viel mehr ist als eine Dokumentation. Es ist ein Werkzeug, das Menschen hilft, gemeinsam klarer zu denken. Und vielleicht liegt genau darin seine eigentliche Kraft.

Was lerne ich daraus?

Früher dachte ich, ich würde Bilder zeichnen. Heute glaube ich, dass ich etwas anderes tue. Ich helfe Menschen dabei, ihre Gedanken so sichtbar zu machen, dass sie gemeinsam weiterdenken können.

Das Bild ist dabei nicht das Ziel.

Es ist das Werkzeug.

Warum ich bis heute lieber zum Flipchart greife als zu PowerPoint

Vor einiger Zeit fragte mich ein Teilnehmer nach einem Workshop:

            „Warum zeichnest du alles live? Du könntest die Folien doch vorher fertig vorbereiten.“

Die Frage ist berechtigt. Und die Antwort lautet:

            „Das meiste bereite ich tatsächlich vor.“

Ich entwickle den Ablauf. Ich zeichne Überschriften. Ich entwerfe Templates. Ich überlege mir, wie zehn Gruppen gleichzeitig arbeiten können, ohne sich gegenseitig im Weg zu stehen.

Ein guter Workshop entsteht nicht aus Improvisation allein. Aber genau dort hört für mich die Vorbereitung auf. Denn irgendwann stellt jemand eine Frage, mit der ich nicht gerechnet habe. Jemand formuliert einen Gedanken, der plötzlich den ganzen Workshop verändert.

Oder zwei Teilnehmer widersprechen sich und gemeinsam entsteht eine Idee, die vorher niemand auf dem Schirm hatte. Dann nehme ich den Stift wieder in die Hand. Nicht, weil ich zeichnen möchte. Sondern weil dieser Gedanke jetzt sichtbar werden soll. Und genau darin liegt für mich der eigentliche Unterschied zu PowerPoint.

Natürlich könnte ich eine neue Folie öffnen. Ein Textfeld einfügen. Eine Grafik verschieben. Aber während ich durch Menüs klicke, passiert etwas Entscheidendes:

Die Aufmerksamkeit verschiebt sich. Nicht mehr zu den Menschen. Sondern zum Computer.

Beim Flipchart ist das anders. Jeder sieht denselben Strich entstehen. Jeder verfolgt denselben Gedanken. Und während ich zeichne, denke ich selbst weiter.

Oft verändert sich die Idee noch, während das Bild entsteht. Ein Pfeil kommt dazu. Ein Symbol verschwindet. Ein Teilnehmer ergänzt etwas. Das Bild wächst mit dem Gespräch. Ein Flipchart zeigt deshalb nicht nur Ergebnisse.

            Ein Flipchart zeigt, wie Denken entsteht.

Genau deshalb liebe ich diese Art zu arbeiten seit so vielen Jahren. Nicht weil Flipcharts schöner wären als PowerPoint. Sondern weil sie mich zwingen, bei den Menschen zu bleiben.

Was lerne ich daraus?

Viele glauben, man müsse besonders gut zeichnen können, um ein Flipchart zu benutzen. Das glaube ich überhaupt nicht.

            Ein paar einfache Symbole. Ein paar saubere Linien. Ein paar Tricks für Schrift, Figuren und  Farben.

Mehr braucht es oft gar nicht. Der eigentliche Mut besteht nicht darin, perfekt zu zeichnen. Sondern darin, den Stift überhaupt in die Hand zu nehmen. Denn in dem Moment, in dem Menschen beginnen, ihre Gedanken sichtbar zu machen, verändert sich etwas. Sie präsentieren nicht mehr nur Ergebnisse. Sie laden andere ein, mitzudenken.

Und genau deshalb heißt mein Onlinekurs seit vielen Jahren „Flipchartheld in 7 Tagen“.

Nicht weil aus jedem Teilnehmer ein Künstler werden soll.

Sondern weil ich Menschen zeigen möchte, wie schnell sie genügend Sicherheit gewinnen können, um ihre Ideen sichtbar zu machen.

Denn ein Flipchartheld zeichnet keine perfekten Bilder.

Er ist nicht der beste Zeichner – aber er hat den Mut, vor den Augen anderer zu denken.

Falls du genau dieses Selbstvertrauen entwickeln möchtest, findest du meinen Onlinekurs „Flipchartheld in 7 Tagen“ hier: https://humorinstitut.smile2.de/flipchartheld-in-einer-woche

Kann man einen Roman in drei Sätzen erzählen?

Vor einiger Zeit durfte ich zum ersten Mal das Cover für einen Roman illustrieren.

Das war für mich Neuland. Bevor ich den Stift in die Hand nahm, sagte mir die Autorin:

„Der Roman heißt Das Lastenfahrrad. Aber einfach ein Lastenfahrrad aufs Cover zu zeichnen, wäre doch viel zu banal, oder?“

Ich antwortete:

„Worum geht es denn?“

Sie begann zu erzählen. Von ihren Figuren. Von Beziehungen. Von Wendungen. Von all den kleinen Geschichten, die ihren Roman lebendig machten.

Nach einigen Minuten unterbrach ich sie.

„Nein. In drei Sätzen.“

Sie lachte.

„Wie soll ich einen Roman in drei Sätzen erklären, für den ich dreihundert Seiten gebraucht habe?“

Genau das ist das Problem. Nicht nur bei Romanen. Sondern bei jeder guten Geschichte.

Als Illustrator suche ich nämlich nicht zuerst nach einem schönen Bild. Ich suche nach dem Kern. Nicht, weil alles andere unwichtig wäre. Sondern weil ein Cover nicht den ganzen Roman erzählen kann.

Es muss neugierig machen. Eine Richtung andeuten. Und den ersten Gedanken auslösen.

Und genau deshalb stelle ich manchmal Fragen, die zunächst unmöglich erscheinen. Nicht um Antworten zu bekommen. Sondern damit wir gemeinsam herausfinden,

            was der Autorin wirklich wichtig ist.

Erst dann kann man beurteilen, ob die naheliegendste Idee vielleicht doch die beste ist. Oder ob man weiterdenken muss.

Seitdem ist mir etwas aufgefallen. Ich stelle dieselbe Frage längst nicht mehr nur Autorinnen und Autoren. Sondern Workshopteilnehmern. Lehrkräften. Unternehmen. Theatergruppen. Eigentlich allen, die etwas erklären möchten.

„Worum geht es wirklich?“

Nicht in fünfzig Folien. Nicht in einer Stunde. Nicht in dreihundert Seiten. Sondern in wenigen Worten. Denn erstaunlicherweise passiert dann fast immer etwas. Menschen hören auf, ihre Geschichte zu erzählen und beginnen plötzlich, über ihr Thema zu sprechen.

Was lerne ich daraus?

Ich glaube inzwischen, dass Kreativität oft gar nicht mit einer guten Antwort beginnt. Sondern mit einer guten Frage. Gute Fragen machen Gedanken sichtbar. Sie zeigen, dass die einfachste Lösung gar nicht banal ist, sondern unvermeidlich.

Was Kung-Fu mich über Storytelling gelehrt hat

Ein Kung-Fu-Jubiläum.

Als mich die Wing-Tsun-Schule als Schnellporträtzeichner für ihr zehnjähriges Jubiläum engagierte, dachte ich zunächst: Hey, mal kein Graphic Recording!Keine Workshops. Keine Moderation. Keine komplexen Zusammenhänge. Nur ein Mensch. Ein Blatt Papier. Ein schwarzer Tombow-Stift. Entspannter geht’s doch kaum.

Dachte ich.

Der Veranstalter begrüßte mich mit einem Satz, den ich zunächst überhaupt nicht verstand.

            „Jeder deiner Striche ist wie ein Schlag.“

Ich nickte höflich. Innerlich dachte ich: Aha, interessanter Vergleich!

Doch während ich die ersten Gesichter zeichnete, wurde mir langsam klar, was er meinte. Ein guter Kung-Fu-Kämpfer verschwendet keine Bewegung. Ein guter Zeichner auch nicht.

Schnellzeichnen ist keine Geschwindigkeit.

Viele glauben, Schnellzeichnen bedeute, möglichst schnell einen Stift über das Papier zu bewegen. Das Gegenteil ist richtig. Schnellzeichnen bedeutet wegzulassen. Nicht jede Falte. Nicht jedes Haar. Nicht jede Brille. Sondern genau die wenigen Linien zu finden, die einen Menschen unverwechselbar machen.

            Diese Reduktion ist keine Vereinfachung. Sie ist Konzentration.

Genau das ist Storytelling.

Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir: Eigentlich mache ich immer dasselbe. Ob ich

  • einen Workshop moderiere,
  • ein Graphic Recording zeichne,
  • einen Erklärfilm entwickle,
  • auf einer Bühne Regie führe
  • oder Schnellporträts zeichne.

Es geht nie um die Technik. Es geht immer darum, das Wesentliche sichtbar zu machen.

Vier Lektionen aus dem Kung-Fu

1. Übung schlägt Talent.

Von außen sieht alles leicht aus. Ein guter Zeichner braucht wenige Minuten. Ein Kung-Fu-Meister wenige Sekunden. Doch hinter dieser scheinbaren Mühelosigkeit stecken tausende Wiederholungen. Routine ist nichts anderes als gespeicherte Erfahrung.

2. Präzision schlägt Geschwindigkeit.

Je hektischer ich zeichne, desto schlechter wird das Ergebnis. Je klarer mein Blick, desto weniger Linien brauche ich. Das gilt genauso für Moderation. Nicht möglichst viel reden. Sondern den einen Satz finden, der Orientierung gibt.

3. Fokus schlägt Perfektion.

Während eines Porträts gibt es unendlich viele Informationen. Augen. Mund. Ohren. Haare. Falten. Licht. Schatten. Die eigentliche Kunst besteht darin zu entscheiden, was ich bewusst ignoriere.

Diese Fähigkeit brauche ich genauso in Workshops. Oder beim Schreiben. Oder beim Entwickeln einer Geschichte.

4. Vertrauen schlägt Kontrolle.

Jeder Zeichner kennt diesen Moment. Man setzt einen Strich. Und danach gibt es kein Zurück. Das ist beängstigend. Und gleichzeitig befreiend. Man muss dem eigenen Blick vertrauen. Dem Prozess. Der Erfahrung. Vielleicht ist genau das die größte Gemeinsamkeit zwischen Kung-Fu und kreativem Arbeiten.

Deshalb heißt mein Unternehmen „Art of Storytelling“

Viele fragen mich, warum ich mein Unternehmen nicht einfach „The Art of Graphic Recording“ oder „The Art of Visualisation“ genannt habe. Weil Graphic Recording nur eines meiner Werkzeuge ist. Genauso wie Workshops.

Regie. Illustration. Erklärfilme. Schnellzeichnen.

Der rote Faden dahinter ist immer derselbe:

            Die Suche nach dem Detail, das den Menschen unverwechselbar macht.

Genau danach suche ich während eines Workshops. Und beim Schreiben, beim Entwickeln neuer Ideen – nicht möglichst viele Bilder. Sondern die richtigen. Nicht möglichst viele Worte. Sondern die entscheidenden.

Was nehme ich aus diesem Abend mit?

Ich war als Schnellzeichner eingeladen. Nach Hause gefahren bin ich mit einer Erinnerung daran, worum es in meiner Arbeit eigentlich geht. Nicht um Zeichnungen. Nicht um Workshops. Nicht um Methoden. Sondern um den Moment, in dem plötzlich etwas klar wird.

Für mein Gegenüber. Und manchmal auch für mich.

Danke für die Fotos von Andy Pfaller

75 Jahre Grundgesetz – Was Kinder mich über Demokratie gelehrt haben

 

Manchmal reicht ein Blatt Papier, um zu verstehen, wie Demokratie wirklich funktioniert.

2024 feierte Deutschland 75 Jahre Grundgesetz. Aus diesem Anlass wurde ich als Graphic Recorder in mehrere Kindergärten und Kinderhorte eingeladen. Meine Aufgabe war eigentlich ganz einfach: zuhören, zeichnen und sichtbar machen, wie Kinder Mitbestimmung erleben.

Ich erwartete bunte Bilder. Ich bekam eine Lektion in Demokratie. Die Erzieherinnen stellten den Kindern Fragen, die wir Erwachsenen viel zu selten stellen:

            „Was könnt ihr im Kindergarten alles mitentscheiden?“

Die Antworten überraschten mich.

Die Kinder entschieden gemeinsam, welche Spiele gespielt werden, was beim Maifest passiert,

            „Wir wollen Paare auslosen, die dann miteinander tanzen und eine Rutschbahn!“

welche Themen im Kinderparlament besprochen werden oder ob sie lieber draußen oder drinnen spielen möchten.

Natürlich entscheiden sie nicht alles. Aber erstaunlich viel.

Noch spannender wurde es, als es um Streit ging. Wann versucht ihr, einen Konflikt selbst zu lösen? Wann holt ihr Hilfe? Wann müssen Erwachsene eingreifen? Mit beeindruckender Selbstverständlichkeit beschrieben die Kinder Regeln, Verantwortung und gegenseitige Rücksicht. Mir wurde plötzlich klar:

Demokratie beginnt nicht mit einer Wahlurne. Sie beginnt dort, wo Menschen erleben, dass ihre Stimme zählt.

Während die Kinder erzählten, entstand auf meiner Metaplanwand eine große Landkarte ihrer Gedanken. Jede Idee bekam einen Platz. Jeder Beitrag wurde sichtbar. Und genau darin liegt für mich die Kraft von Graphic Recording. Schnelles Gekritzel und Gedanken ernst zu nehmen.

Wenn eine Idee groß auf einer Metaplanwand erscheint, verändert sich etwas. Aus einem flüchtigen Satz wird ein sichtbarer Beitrag. Aus einer Meinung wird etwas, das alle gemeinsam betrachten und weiterentwickeln können.

Fast noch schöner war etwas anderes.

Ich war an diesem Tag für die Kinder mindestens genauso spannend wie die Konferenz. Ich und mein riesiger Koffer voller Marker, Kreiden und Stifte. Immer wieder kamen neugierige Kinder zu mir und fragten:

            „Dürfen wir auch mal damit malen?“

Normalerweise lautet meine Antwort: eher nicht. Das sind meine Werkzeuge. Mein Handwerkszeug. An diesem Tag war sie anders. Natürlich durften sie. Für einen Moment waren die Marker nicht mehr meine Werkzeuge. Sie wurden unsere. Nicht ich, sondern die Kinder waren die Graphic Recorder!

Vielleicht passt genau das zu diesem Tag. Demokratie bedeutet nicht, alles aus der Hand zu geben. Aber sie bedeutet, Menschen zu beteiligen. Sie ernst zu nehmen. Ihnen Verantwortung zuzutrauen.

Was ich daraus mitnehme

Seit diesem Tag sehe ich Graphic Recording noch einmal anders. Es geht nicht nur darum, Informationen zu dokumentieren. Es geht darum, Menschen zu zeigen:

Das, was du gesagt hast, ist wichtig genug, dass es sichtbar wird.

Vielleicht beginnt genau dort Beteiligung. Und vielleicht beginnt genau dort auch Demokratie. Vor allem aber nahm ich eine Erkenntnis mit:

Kinder müssen Demokratie nicht erst lernen. Kinder müssen auch Graphic Recording nicht erst lernen!

Wir Erwachsenen müssen ihnen nur zutrauen, sie zu leben.

Danke an alle Kinder, Erzieherinnen und Erzieher, die mir an diesem Tag gezeigt haben, wie selbstverständlich Mitbestimmung sein kann.

Wann haben wir eigentlich aufgehört Künstler zu sein?

„Ach, ich wünschte, ich könnte auch so schön zeichnen wie Sie. Ich bin völlig unbegabt.“

Diesen Satz höre ich erstaunlich oft. Auf Management-Konferenzen. In Workshops. Beim Graphic Recording. Fast jedes Mal sagt ihn jemand. Und fast jedes Mal frage ich mich dasselbe:

            „Wann genau beschließen wir eigentlich, dass wir unkreativ sind?“

Ich habe jedenfalls noch nie erlebt, dass ein kleines Kind vor einem Blatt Papier sitzt und sagt:

            „Ich kann leider nicht malen.“

Kinder zeichnen einfach. Sie erfinden Tiere, die es gar nicht gibt. Häuser mit schiefen Dächern. Menschen mit vier Fingern. Sonnen mit Gesichtern. Niemand entschuldigt sich. Niemand fragt, ob das richtig ist.

Irgendwann verändert sich etwas.

Ein Bild wird bewertet. Ein Vergleich beginnt. Plötzlich geht es nicht mehr darum, etwas auszuprobieren, sondern darum, etwas richtig zu machen. Aus Spielfreude wird Selbstkritik. Aus Neugier wird Vorsicht.

Und Jahre später sitzen dieselben Menschen vor mir und sagen:

            „Ich bin leider überhaupt nicht kreativ.“

Ich glaube ihnen das nicht. Nicht einen Moment. Denn Kreativität verschwindet nicht einfach. Sie wird oft nur über viele Jahre hinweg zugeschüttet. Von Noten. Von Vergleichen. Von der Angst, sich zu blamieren. Von dem Gedanken, dass Kunst etwas für Begabte sei.

Dabei ist Zeichnen viel weniger ein Talent als eine Sprache. Eine Sprache, die wir alle einmal gesprochen haben. Deshalb liebe ich meine Arbeit als Graphic Recorder so sehr.

Ich zeichne nicht, um bessere Bilder als andere zu produzieren. Ich zeichne, damit Gedanken sichtbar werden. Damit aus einem flüchtigen Satz eine Idee wird, über die Menschen gemeinsam nachdenken können. Oft erlebt jemand zum ersten Mal, wie seine Gedanken auf einer großen Wand Gestalt annehmen. Und plötzlich passiert etwas Erstaunliches: Er erkennt sich darin wieder.

Vielleicht beginnt Kreativität genau dort.

Nicht mit einem außergewöhnlichen Talent. Sondern mit dem Mut, den ersten Strich zu machen.

Pablo Picasso hat einmal gesagt:

            „Jedes Kind ist ein Künstler. Das Problem ist, ein Künstler zu bleiben, wenn man erwachsen wird.“

Ich weiß, er hatte recht. Heute Abend habe ich eine kleine Einladung für euch.

Nehmt euch ein Blatt Papier. Zeichnet ein Gesicht. Einen Hund. Ein Haus. Einen Baum. Ganz egal.

Nicht, um jemandem zu gefallen.

Nicht, um ein Kunstwerk zu schaffen.

Sondern um herauszufinden, ob eure Kreativität wirklich verschwunden ist.

Oder ob sie die ganze Zeit nur darauf gewartet hat, dass ihr ihr wieder eine Chance gebt.