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Was ist die größte Form der Wertschätzung?

Eine Karte meiner Schülerinnen und Schüler hat mich daran erinnert, worum es in meiner Arbeit eigentlich geht.

Es gibt viele Formen der Wertschätzung.

Als selbstständiger Künstler freue ich mich über ein gutes Honorar. Es zeigt, dass meine Arbeit einen Wert hat. Ich freue mich auch, wenn nach einem Graphic Recording oder einem Workshop jemand sagt:

„Genau so haben wir uns das vorgestellt.“

Das ist schönes Feedback. Es bestätigt, dass das Ergebnis stimmt.

Vor einigen Tagen bekam ich jedoch eine Karte von einer Schulklasse, die ich zwei Jahre lang im Fach Kunst unterrichten durfte. Ich musste sie mehrmals lesen. Nicht, weil sie meine Zeichnungen lobte. Nicht, weil sie meinen Unterricht als besonders kreativ beschrieb. Sondern wegen zweier Sätze.

„Sie haben uns ermutigt, einfach loszulegen.“

„Sie haben uns beigebracht, dass Fehler Teil des Prozesses sind.“

Ich merkte, dass mich diese Worte viel tiefer berührten als jedes Lob für ein gelungenes Projekt.

Wertschätzung gilt oft dem Ergebnis.

Im Berufsleben sprechen wir häufig über Produkte, Projekte, Zahlen, Umsatz und Qualität. Natürlich ist das wichtig. Aber all das beschreibt das Ergebnis einer Arbeit.

Viel seltener sprechen wir darüber, welche Wirkung ein Mensch auf andere hat. Genau diese Wirkung bleibt oft viel länger bestehen als das eigentliche Produkt.

Das gilt nicht nur für Lehrer.

Als ich die Karte las, wurde mir klar, dass dieses Erlebnis weit über den Kunstunterricht hinausgeht.

Wenn ich ein Graphic Recording zeichne, geht es nicht nur darum, dass am Ende eine schöne Visualisierung entsteht. Es geht darum, dass Menschen ihre eigenen Gedanken plötzlich klarer sehen.

Wenn ich einen Workshop leite, möchte ich nicht nur Methoden vermitteln. Ich möchte erreichen, dass jemand danach den Mut hat, eine eigene Idee umzusetzen.

Und wenn ich Theater inszeniere, hoffe ich, dass Jugendliche erleben:

  • Ich darf Fehler machen.
  • Ich darf ausprobieren.
  • Ich kann über mich hinauswachsen.

Kreativität beginnt mit Ermutigung.

Viele Menschen glauben, Kreativität sei ein Talent. Meine Erfahrung ist eine andere.

Die meisten Menschen sind kreativ. Sie haben nur irgendwann gelernt, Angst vor Fehlern zu haben.

Deshalb beginnt Kreativität oft nicht mit einem Stift. Sie beginnt mit einem Satz.

„Probier es einfach.“

Vielleicht ist genau das die wichtigste Aufgabe eines Lehrers, Trainers oder Kreativbegleiters. Nicht perfekte Ergebnisse zu erzeugen, sondern einen Raum zu schaffen, in dem Menschen den Mut finden, selbst kreativ zu werden.

Was ich aus dieser Erfahrung mitnehme

Diese Karte werde ich wahrscheinlich noch sehr lange aufbewahren. Nicht, weil sie meine Arbeit lobt. Sondern weil sie mich daran erinnert, warum ich sie mache.

Die größte Form der Wertschätzung ist für mich nicht das Lob für ein Produkt.

Sie beginnt in dem Moment, in dem Menschen sagen:

„Du hast etwas in mir verändert.“

Kreativität entsteht nicht durch Perfektion, sondern durch Ermutigung. Genau deshalb versuche ich in meinen Workshops, im Kunstunterricht und bei Theaterprojekten Räume zu schaffen, in denen Menschen ohne Angst vor Fehlern ausprobieren können.

Wann haben wir eigentlich aufgehört Künstler zu sein?

„Ach, ich wünschte, ich könnte auch so schön zeichnen wie Sie. Ich bin völlig unbegabt.“

Diesen Satz höre ich erstaunlich oft. Auf Management-Konferenzen. In Workshops. Beim Graphic Recording. Fast jedes Mal sagt ihn jemand. Und fast jedes Mal frage ich mich dasselbe:

            „Wann genau beschließen wir eigentlich, dass wir unkreativ sind?“

Ich habe jedenfalls noch nie erlebt, dass ein kleines Kind vor einem Blatt Papier sitzt und sagt:

            „Ich kann leider nicht malen.“

Kinder zeichnen einfach. Sie erfinden Tiere, die es gar nicht gibt. Häuser mit schiefen Dächern. Menschen mit vier Fingern. Sonnen mit Gesichtern. Niemand entschuldigt sich. Niemand fragt, ob das richtig ist.

Irgendwann verändert sich etwas.

Ein Bild wird bewertet. Ein Vergleich beginnt. Plötzlich geht es nicht mehr darum, etwas auszuprobieren, sondern darum, etwas richtig zu machen. Aus Spielfreude wird Selbstkritik. Aus Neugier wird Vorsicht.

Und Jahre später sitzen dieselben Menschen vor mir und sagen:

            „Ich bin leider überhaupt nicht kreativ.“

Ich glaube ihnen das nicht. Nicht einen Moment. Denn Kreativität verschwindet nicht einfach. Sie wird oft nur über viele Jahre hinweg zugeschüttet. Von Noten. Von Vergleichen. Von der Angst, sich zu blamieren. Von dem Gedanken, dass Kunst etwas für Begabte sei.

Dabei ist Zeichnen viel weniger ein Talent als eine Sprache. Eine Sprache, die wir alle einmal gesprochen haben. Deshalb liebe ich meine Arbeit als Graphic Recorder so sehr.

Ich zeichne nicht, um bessere Bilder als andere zu produzieren. Ich zeichne, damit Gedanken sichtbar werden. Damit aus einem flüchtigen Satz eine Idee wird, über die Menschen gemeinsam nachdenken können. Oft erlebt jemand zum ersten Mal, wie seine Gedanken auf einer großen Wand Gestalt annehmen. Und plötzlich passiert etwas Erstaunliches: Er erkennt sich darin wieder.

Vielleicht beginnt Kreativität genau dort.

Nicht mit einem außergewöhnlichen Talent. Sondern mit dem Mut, den ersten Strich zu machen.

Pablo Picasso hat einmal gesagt:

            „Jedes Kind ist ein Künstler. Das Problem ist, ein Künstler zu bleiben, wenn man erwachsen wird.“

Ich weiß, er hatte recht. Heute Abend habe ich eine kleine Einladung für euch.

Nehmt euch ein Blatt Papier. Zeichnet ein Gesicht. Einen Hund. Ein Haus. Einen Baum. Ganz egal.

Nicht, um jemandem zu gefallen.

Nicht, um ein Kunstwerk zu schaffen.

Sondern um herauszufinden, ob eure Kreativität wirklich verschwunden ist.

Oder ob sie die ganze Zeit nur darauf gewartet hat, dass ihr ihr wieder eine Chance gebt.