An zwei Tagen pro Woche Kunstlehrer an einem Gymnasium

Seit Februar 2025 unterrichte ich an zwei Tagen pro Woche Kunst an einem Gymnasium. Das ist meine erste Festanstellung und ich bin 60.

Seit Jahren höre ich auf Workshops und Konferenzen denselben Satz:

            „Ich kann so etwas nicht. Ich war schon in der Schule schlecht im Zeichnen.“

Seit ich unterrichte, frage ich mich immer öfter:

            Woher kommt dieser Satz eigentlich?

Denn keines der Kinder in der 5. Klasse kommt mit der Überzeugung in den Kunstunterricht, nicht zeichnen zu können. Sie zeichnen einfach. Sie mischen Farben. Sie bauen. Sie experimentieren. Wenn aus Gelb und Blau erst einmal eine braune Soße wird, lachen sie kurz und probieren weiter.

Für sie ist das kein Fehler. Sondern ein Lernschritt. Im Laufe der Monate habe ich etwas gelernt:

            „Falsch“ ist im Kunstunterricht ein erstaunlich nutzloses Wort.

Natürlich kann ich zeigen, wie Perspektive funktioniert. Wie man Farben mischt oder eine Figur konstruiert. Aber Kunst entsteht nicht dadurch, dass jemand alles richtig macht. Sondern dadurch, dass jemand den Mut hat, etwas auszuprobieren.

Mit den Jahren scheint diese Neugier zu verschwinden. Bei den älteren Schülerinnen und Schülern verändert sich etwas. Viele fragen nicht mehr:

            „Was passiert, wenn ich das so mache?“

Sondern:

            „Wie macht man das richtig?“

Oder:

            „Reicht das für eine gute Note?“

Plötzlich geht es nicht mehr um Neugier. Sondern um Sicherheit. Nicht mehr um Entdecken. Sondern darum, möglichst wenig falsch zu machen. Dabei wünsche ich mir etwas ganz anderes.

Dass diese Kinder später in Meetings sitzen und sich nicht kleinmachen. Dass sie ihre Ideen aussprechen. Dass sie ausprobieren. Dass sie den Mut haben, auch einmal daneben zu liegen. Denn genau daraus entstehen oft die besten Gedanken. Die schönste Rückmeldung bekomme ich deshalb nicht, wenn ein Bild besonders gelungen ist. Sondern wenn ein Schüler plötzlich sagt:

            „Ach so. Das sieht ja gar nicht so schlecht aus!“

Was lerne ich daraus?

Ich glaube inzwischen nicht mehr, dass Menschen ihre Kreativität verlieren. Ich glaube, sie verlieren oft nur den Mut, sie zu benutzen. Vielleicht beginnt guter Kunstunterricht deshalb gar nicht beim Zeichnen. Sondern bei einem Gefühl:

            „Hier darf ich ausprobieren, ohne Angst davor zu haben, falsch zu liegen.“

Vielleicht brauchen wir genau solche Räume nicht nur in der Schule. Sondern überall dort, wo neue Ideen entstehen sollen.