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Ich zeichne keine Bilder – ich zeichne Ziele!

 

Vor einiger Zeit bat mich ein Industrieunternehmen, seine Zukunft zu zeichnen. Nicht zu illustrieren. Zu zeichnen. Live. Gemeinsam. Mit den Menschen im Raum.

Der entscheidende Unterschied

Viele glauben, Graphic Recording bedeutet, Inhalte hübsch zu visualisieren. Für mich beginnt die Arbeit viel früher. Ich setze keine fertigen PowerPoint-Folien um. Ich stelle Fragen. Immer wieder. Fragen, die Bilder erzeugen statt Floskeln. Denn:

„Wir wollen innovativer werden.“

ergibt kein Bild.

Aber:

„Was sehen wir in zehn Jahren, das heute noch unmöglich erscheint?“

Schon entsteht eine gemeinsame Vorstellung.

Aus Worten werden Bilder

In diesem Workshop entstand unten links das Flugzeug von Blériot. Darüber die Enterprise aus Star Trek. Beides stand für denselben Gedanken:

Aufbruch in unbekannte Welten.

In dem Moment, als die Teilnehmer ihre eigene Strategie in dieser Bildwelt wiedererkannten, veränderte sich die Stimmung im Raum. Das vergesse ich bis heute nicht.

Eine Folie erklärt. Ein Bild erinnert.

Eine Präsentation verschwindet meist nach dem Meeting. Ein gemeinsames Bild bleibt. Es hängt an der Wand. Man geht Wochen oder Monate später daran vorbei und entdeckt neue Zusammenhänge. Genau darin liegt seine Stärke.

Gerade deshalb wird KI Zielbilder nicht ersetzen.

Künstliche Intelligenz kann beeindruckende Bilder erzeugen. Sie kann Texte zusammenfassen. Sie kann Ideen visualisieren. Aber sie steht nicht mit zwanzig Menschen in einem Raum. Sie hört keine Zwischentöne. Sie stellt nicht die Frage, die plötzlich einen völlig neuen Gedanken auslöst. Ein Zielbild entsteht nicht am Schreibtisch. Es entsteht im Gespräch.

Deshalb glaube ich:

Zielbilder werden in Zukunft wichtiger. Nicht unwichtiger.

Denn je mehr Informationen KI produziert, desto wichtiger wird ein gemeinsames Bild, das Orientierung gibt.

Wenn Sie für Ihr Unternehmen ein Zielbild entwickeln möchten, sprechen Sie mich gerne an.

Was lerne ich daraus?

Zielbilder entstehen dadurch, dass Menschen gemeinsam die richtigen Fragen stellen. Eine KI kann Bilder generieren, aber sie kann nicht im Raum stehen. Sie hört keine Zwischentöne. Sie spürt keine Unsicherheit. Und sie erkennt nicht den Moment, in dem plötzlich alle nicken, weil eine gemeinsame Vorstellung entstanden ist. Deshalb glaube ich:

Zielbilder werden wichtiger. Nicht unwichtiger.

Je mehr Informationen KI produziert, desto wichtiger wird ein gemeinsames Bild, das Orientierung gibt.

Dieses Plakat stammt von mir. Gezeichnet habe ich es trotzdem nicht!

Als dieses Plakat fertig war, hätte ich mich eigentlich freuen müssen.

Es sah genau so aus, wie ich es mir vorgestellt hatte. Die Stimmung stimmte. Die Farben. Die Typografie. Genau der Eindruck, den ich für unseren improvisierten Krimi erzeugen wollte.

Nur eines stimmte nicht.

Ich hatte es nicht gezeichnet.

Normalerweise beginne ich bei einem Plakat mit ersten Skizzen. Ich verwerfe Ideen, beginne noch einmal von vorne und ringe mich langsam an eine Lösung heran. Diesmal lief es anders. Ich hatte eine ziemlich klare Vorstellung im Kopf. Also beschrieb ich sie einer KI.

Ein paar Sekunden später war das Plakat fertig.

Natürlich hätte ich es auch selbst zeichnen können. Nur nicht so schnell aber in demselben Stil und ähnlich perfekt. Aber ich habe mich dagegen entschieden. Und genau das beschäftigt mich bis heute.

Es fühlte sich gleichzeitig effizient und merkwürdig leer an.

Nicht, weil das Ergebnis schlecht gewesen wäre. Im Gegenteil. Sondern weil ich plötzlich merkte, dass ich einen Teil meiner bisherigen Arbeit einfach übersprungen hatte.

Ich hatte nicht mehr gezeichnet.

Ich hatte entschieden.

Das führte zu einer unbequemen Frage:

            „War das Zeichnen überhaupt jemals meine eigentliche Kernkompetenz?“

Jahrelang habe ich mich als Künstler verstanden, der mit seinem handwerklichen Können etwas erschafft. Nun saß ich vor einem Bild, das genau meinen Vorstellungen entsprach, obwohl ich keinen einzigen Strich selbst gezeichnet hatte.

Vielleicht verändert KI deshalb gerade so viele kreative Berufe. Nicht mehr derjenige, der jede Linie selbst ausführt, entscheidet darüber, wie das Bild aussieht. Entscheidend wird derjenige, der weiß, was entstehen soll und warum.

Schlechte Ideen bleiben schlecht, egal ob sie mit Bleistift oder Prompt umgesetzt werden. Gute Ideen finden heute nur sehr viel schneller eine Form.

Das ist zugleich faszinierend und beunruhigend.

Denn wenn Maschinen immer besser darin werden, Bilder zu erzeugen, stellt sich zwangsläufig eine neue Frage:

            „Worin besteht dann eigentlich noch meine kreative Leistung?“

Ich glaube inzwischen, dass ich damals die falsche Frage gestellt habe.

Nicht:

            „Wer hat das Bild gezeichnet?“

Sondern:

            „Wer hat die Idee entwickelt, die dieses Bild überhaupt möglich gemacht hat?“

Genau dort beginnt für mich heute Kreativität. Nicht beim Ausführen. Sondern beim Beobachten. Beim Fragen. Beim Denken. Beim Entwickeln einer Vorstellung, die es wert ist, sichtbar gemacht zu werden.

Was lerne ich daraus?

Dieses Plakat hat mich gezwungen, meinen eigenen Beruf neu zu betrachten. Früher dachte ich, mein größter Wert läge im Zeichnen. Heute glaube ich, dass Zeichnen ein Werkzeug ist. Ein wichtiges Werkzeug, aber eben nur eines von vielen. Entscheidend ist die Fähigkeit, gemeinsam mit anderen Gedanken zu entwickeln, Zusammenhänge sichtbar zu machen und Bilder im Kopf entstehen zu lassen.

Vielleicht wird genau das in einer Welt voller KI zur eigentlichen Kernkompetenz.

Nicht besser zu zeichnen.

Sondern besser zu denken.

Es gibt einen Moment beim Graphic Recording, der mich jedes Mal überrascht!

Stell dir einen Seminarraum mit sechzig, manchmal hundert Menschen vor!

Jemand präsentiert Folien. Es wird diskutiert, argumentiert und ergänzt. Jeder bringt noch einen Gedanken ein. Von außen betrachtet wirkt alles wie ein ganz normales Meeting.

Dann stelle ich mein Papier auf. Ich schreibe eine Überschrift. Zeichne das erste Symbol. Verbinde zwei Gedanken mit einem Pfeil. Und plötzlich verändert sich der Raum.

Die Gespräche werden leiser. Menschen stehen auf. Sie drehen sich um und schauen nicht mehr auf den Vortragenden, sondern auf das Bild, das gerade entsteht.

Nicht, weil ich besonders schön zeichne. Sondern weil sie zum ersten Mal sehen können, wie ihre Gedanken sichtbar werden. Ein Gedanke, der eben noch nur in den Köpfen existierte, bekommt plötzlich eine Form. Und genau in diesem Moment passiert etwas Erstaunliches.

Menschen beginnen, ihre eigenen Gedanken zu überprüfen.

            „Moment … so haben wir das eigentlich gar nicht gemeint.“

Oder:

           „Jetzt sehe ich erst, dass diese beiden Punkte zusammengehören.“

Oder ganz besonders:

            „Ich hätte nie gedacht, dass man sogar ein virtuelles Produkt wie unseres als Bild darstellen kann!“

Das Bild hält das Gespräch also nicht einfach nur fest. Es verändert das Gespräch. Denn sobald ein Gedanke sichtbar wird, muss er sich bewähren. Plötzlich erkennt jeder Widersprüche, Lücken oder neue Zusammenhänge. Das ist für mich bis heute der faszinierendste Moment beim Graphic Recording. Nicht das Zeichnen. Sondern der Augenblick, in dem Denken sichtbar wird.

Deshalb glaube ich inzwischen, dass Graphic Recording viel mehr ist als eine Dokumentation. Es ist ein Werkzeug, das Menschen hilft, gemeinsam klarer zu denken. Und vielleicht liegt genau darin seine eigentliche Kraft.

Was lerne ich daraus?

Früher dachte ich, ich würde Bilder zeichnen. Heute glaube ich, dass ich etwas anderes tue. Ich helfe Menschen dabei, ihre Gedanken so sichtbar zu machen, dass sie gemeinsam weiterdenken können.

Das Bild ist dabei nicht das Ziel.

Es ist das Werkzeug.

Das Beste an meinem neuen Job als Kunsterzieher: Es geht gar nicht um mich!

Seit ich Kunst unterrichte, beschäftigt mich eine überraschende Erkenntnis. Zum ersten Mal seit vielen Jahren geht es bei meiner Arbeit nicht mehr um mich. Und das empfinde ich als unglaublich befreiend.

Als Kunststudent war das anders. Damals drehte sich fast alles um die eigene Position. Um den eigenen Stil. Die eigene Handschrift. Um die Frage, wie man unverwechselbar wird.

Ich fuhr nachts Taxi und malte tagsüber Taxibilder. Daraus entstand mein Markenzeichen. Trotzdem hörten die Fragen nie auf.

            „Was unterscheidet meine Arbeiten von denen anderer?“

            „Wie entwickle ich meinen Stil weiter?“

            „Wie finde ich Galeristen, ohne mich anzubiedern?“

            „Reicht das überhaupt?“

            „Bin ich gut genug?“

Im Kunstunterricht verschiebt sich dieser Blick plötzlich vollständig. Nicht mehr:

            „Was kann ich?“

Sondern:

            „Wie kann ich einem jungen Menschen helfen, seine eigene Kreativität zu entdecken?“

Plötzlich geht es um ihre Neugier. Ihre Fragen. Ihre Unsicherheit. Ihre ersten Ideen. Nicht darum, ob ich originell genug bin. Sondern darum, ob ich einen Raum schaffen kann, in dem andere den Mut finden, etwas Eigenes auszuprobieren. Dieser Perspektivwechsel hat mich mehr entlastet, als ich erwartet hätte.

Vielleicht, weil ich dabei gemerkt habe, dass mich genau das noch mehr interessiert als das eigene Werk. Als Graphic Recorder, Illustrator oder Moderator stelle ich meine Kreativität ebenfalls in den Dienst anderer. Ich helfe Menschen, Gedanken zu ordnen, Zusammenhänge sichtbar zu machen und Ideen weiterzuentwickeln.

Nur eines fühlt sich völlig anders an.

Im Markt muss ich diese Arbeit jeden Tag neu erklären. Mich positionieren. Sichtbar werden. Kunden überzeugen. Im Unterricht fällt das alles weg.

Dort zählt nur die Frage:

            „Was brauchen die Schülerinnen und Schüler, damit sie heute etwas entdecken können?“

Vielleicht empfinde ich genau deshalb den Unterricht oft als erstaunlich erholsam. Nicht, weil er einfacher wäre. Sondern weil mein eigenes Ego für ein paar Stunden keine Hauptrolle mehr spielt. Je länger ich unterrichte, desto mehr frage ich mich, ob wir Kreativität manchmal falsch verstehen.

Vielleicht besteht sie gar nicht zuerst darin, etwas Besonderes zu schaffen.

Vielleicht beginnt sie dort, wo wir anderen helfen, ihre eigenen Ideen ernst zu nehmen.

Mich lässt dieser Gedanke nicht mehr los. Wie viel Energie würden wir gewinnen, wenn wir weniger Zeit darauf verwenden müssten, uns ständig selbst zu behaupten? Und mehr Zeit hätten, gemeinsam etwas entstehen zu lassen?

Was lerne ich daraus?

Früher dachte ich, gute Kunst müsse vor allem etwas über den Künstler erzählen. Heute glaube ich, dass Kreativität ihre größte Kraft oft dort entfaltet, wo sie anderen hilft, ihre eigenen Gedanken zu entwickeln. Vielleicht ist genau das die wichtigste Aufgabe eines Kunsterziehers. Nicht Menschen zu zeigen, wie sie zeichnen sollen.

Sondern ihnen das Vertrauen zu geben, dass ihre eigenen Ideen es wert sind, sichtbar zu werden.

„Muss ich da noch was dazumalen, damit ich eine gute Note bekomme?“

 

 

Diese Frage stellte mir neulich ein Schüler im Kunstunterricht. Er meinte sie völlig ernst.

Nicht aus Faulheit. Nicht aus Ironie.

Sondern weil er wissen wollte, wie er möglichst sicher ans Ziel kommt. Während ich darüber nachdachte, wurde mir klar: Eigentlich fragte er gar nicht nach Kunst.

Er will wissen:

            „Woran erkenne ich, dass es für eine Eins reicht?“

Je länger ich darüber nachdachte, desto öfter hörte ich dieselbe Frage. Nicht im Klassenzimmer. Sondern überall. Im Unternehmen.

            „Was will der Kunde hören?“

            „Was erwartet die Geschäftsführung?“

            „Was muss ich liefern, damit nieman etwas daran auszusetzen hat?“

Der Mechanismus ist derselbe. Plötzlich geht es nicht mehr darum, etwas Eigenes zu entwickeln. Sondern darum, möglichst wenig falsch zu machen. Der Schüler richtet seine Idee auf die Bewertung aus. Der Mitarbeiter auf das erwartete Ergebnis. Und irgendwann geschieht etwas Merkwürdiges:

Alle wünschen sich Innovation. Aber niemand möchte das Risiko tragen, das Innovation mit sich bringt. Dabei entsteht Kreativität selten dort, wo Menschen nur Erwartungen erfüllen.

Sie braucht Umwege. Irrtümer. Überraschungen. Sie ist chaotisch. Unkontrollierbar. Geheimnisvoll.

Vielleicht ist der Kunstunterricht deshalb einer der letzten Orte, an denen wir genau das noch üben könnten. Nicht das perfekte Ergebnis. Sondern den Mut, etwas auszuprobieren, dessen Ausgang noch niemand kennt.

Natürlich brauchen Schulen und Unternehmen Regeln, Qualität und Verlässlichkeit. Das Problem beginnt erst dann, wenn diese Werkzeuge wichtiger werden als Neugier. Wenn aus Orientierung Anpassung wird. Wenn Sicherheit wichtiger ist als Entdeckung. Je länger ich unterrichte, desto häufiger frage ich mich:

Wollen wir wirklich eigenständige Menschen?

Oder wünschen wir uns vor allem Menschen, die Erwartungen möglichst gut erfüllen? Vielleicht entscheidet sich genau dort, ob Kreativität entsteht. Oder nur gute Anpassung.

Was lerne ich daraus?

Ich glaube inzwischen, dass Kreativität nicht dort beginnt, wo Menschen alles richtig machen. Sondern dort, wo sie den Mut haben, etwas auszuprobieren, das auch scheitern könnte.

Vielleicht sollten wir deshalb im Kunstunterricht weniger fragen:

            „Ist das gut genug?“

Und öfter:

            „Was hast du ausprobiert, das du dich vorher nicht getraut hättest?“

Denn genau dort beginnt für mich Lernen. Und vielleicht beginnt dort auch Innovation.

An zwei Tagen pro Woche Kunstlehrer an einem Gymnasium

Seit Februar 2025 unterrichte ich an zwei Tagen pro Woche Kunst an einem Gymnasium. Das ist meine erste Festanstellung und ich bin 60.

Seit Jahren höre ich auf Workshops und Konferenzen denselben Satz:

            „Ich kann so etwas nicht. Ich war schon in der Schule schlecht im Zeichnen.“

Seit ich unterrichte, frage ich mich immer öfter:

            Woher kommt dieser Satz eigentlich?

Denn keines der Kinder in der 5. Klasse kommt mit der Überzeugung in den Kunstunterricht, nicht zeichnen zu können. Sie zeichnen einfach. Sie mischen Farben. Sie bauen. Sie experimentieren. Wenn aus Gelb und Blau erst einmal eine braune Soße wird, lachen sie kurz und probieren weiter.

Für sie ist das kein Fehler. Sondern ein Lernschritt. Im Laufe der Monate habe ich etwas gelernt:

            „Falsch“ ist im Kunstunterricht ein erstaunlich nutzloses Wort.

Natürlich kann ich zeigen, wie Perspektive funktioniert. Wie man Farben mischt oder eine Figur konstruiert. Aber Kunst entsteht nicht dadurch, dass jemand alles richtig macht. Sondern dadurch, dass jemand den Mut hat, etwas auszuprobieren.

Mit den Jahren scheint diese Neugier zu verschwinden. Bei den älteren Schülerinnen und Schülern verändert sich etwas. Viele fragen nicht mehr:

            „Was passiert, wenn ich das so mache?“

Sondern:

            „Wie macht man das richtig?“

Oder:

            „Reicht das für eine gute Note?“

Plötzlich geht es nicht mehr um Neugier. Sondern um Sicherheit. Nicht mehr um Entdecken. Sondern darum, möglichst wenig falsch zu machen. Dabei wünsche ich mir etwas ganz anderes.

Dass diese Kinder später in Meetings sitzen und sich nicht kleinmachen. Dass sie ihre Ideen aussprechen. Dass sie ausprobieren. Dass sie den Mut haben, auch einmal daneben zu liegen. Denn genau daraus entstehen oft die besten Gedanken. Die schönste Rückmeldung bekomme ich deshalb nicht, wenn ein Bild besonders gelungen ist. Sondern wenn ein Schüler plötzlich sagt:

            „Ach so. Das sieht ja gar nicht so schlecht aus!“

Was lerne ich daraus?

Ich glaube inzwischen nicht mehr, dass Menschen ihre Kreativität verlieren. Ich glaube, sie verlieren oft nur den Mut, sie zu benutzen. Vielleicht beginnt guter Kunstunterricht deshalb gar nicht beim Zeichnen. Sondern bei einem Gefühl:

            „Hier darf ich ausprobieren, ohne Angst davor zu haben, falsch zu liegen.“

Vielleicht brauchen wir genau solche Räume nicht nur in der Schule. Sondern überall dort, wo neue Ideen entstehen sollen.

 

Mein erstes Mobiltelefon – von 1969!

 

Reichweite: Wohnzimmer bis Küche. Apps: Fantasie. Geduld. Gespräche mit niemandem. Datenschutz: absolut. Akku: unendlich. Es war aus Plastik, hatte Räder und wenn ich es hinter mir herzog, klingelte nichts.

            Trotzdem habe ich stundenlang telefoniert.

Mit mir selbst. Mit Neil Armstrong auf dem Mond. Mit Dinosauriern. Mit der Zukunft.

Heute tragen schon Fünftklässler Smartphones in der Hosentasche. Mit Kameras, die besser sind als die ersten Digitalkameras. Mit KI-Filtern und mit Zugang zum gesamten Wissen der Menschheit. Und im Unterricht legen wir sie auf den Tisch. Display nach unten. Stumm.

Ich finde das richtig. Ein Smartphone kann Aufmerksamkeit schneller verschwinden lassen als fast jedes andere Gerät. Aber je länger ich Kunst unterrichte, desto öfter frage ich mich:

            „Reden wir eigentlich genug darüber, wofür dieses Werkzeug gedacht ist?“

Ein Smartphone kann fotografieren, filmen, zeichnen, Musik komponieren., Geschichten erzählen. Es kann Details entdecken, die man sonst übersieht. Original und Bearbeitung vergleichen. Perspektiven sichtbar machen. Über Bilder streiten. Kurz:

            Es kann Kreativität unterstützen.  

Nicht ersetzen. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Aufgabe des Kunstunterrichts. Nicht zu entscheiden, ob Handys erlaubt oder verboten sind. Sondern gemeinsam herauszufinden, wann sie uns beim Denken helfen und wann sie uns vom Denken abhalten. Mein Spielzeugtelefon hatte keine Kamera, kein Internet, keine Likes, keine Benachrichtigungen. Aber es hatte etwas, das ich heute manchmal vermisse:

Zeit. Zeit zum Spielen. Zeit zum Nachdenken. Zeit, aus einer leeren Plastikschachtel ein Raumschiff werden zu lassen. Vielleicht brauchen Kinder deshalb gar nicht zuerst strengere Handyregeln. Vielleicht brauchen sie Erwachsene, die ihnen zeigen, dass jedes Werkzeug seinen richtigen Moment hat.

            Ein Bleistift. Ein Pinsel. Oder eben ein Smartphone.

Was lerne ich daraus?

Ich glaube nicht, dass Smartphones Kreativität zerstören. Aber ich glaube, sie machen eine gute Frage wichtiger denn je:

            „Benutze ich das Werkzeug?“

Oder benutzt das Werkzeug mich? Denn Kreativität beginnt für mich nicht mit der Technik. Sondern mit der Aufmerksamkeit.

Kann man einen Roman in drei Sätzen erzählen?

Vor einiger Zeit durfte ich zum ersten Mal das Cover für einen Roman illustrieren.

Das war für mich Neuland. Bevor ich den Stift in die Hand nahm, sagte mir die Autorin:

„Der Roman heißt Das Lastenfahrrad. Aber einfach ein Lastenfahrrad aufs Cover zu zeichnen, wäre doch viel zu banal, oder?“

Ich antwortete:

„Worum geht es denn?“

Sie begann zu erzählen. Von ihren Figuren. Von Beziehungen. Von Wendungen. Von all den kleinen Geschichten, die ihren Roman lebendig machten.

Nach einigen Minuten unterbrach ich sie.

„Nein. In drei Sätzen.“

Sie lachte.

„Wie soll ich einen Roman in drei Sätzen erklären, für den ich dreihundert Seiten gebraucht habe?“

Genau das ist das Problem. Nicht nur bei Romanen. Sondern bei jeder guten Geschichte.

Als Illustrator suche ich nämlich nicht zuerst nach einem schönen Bild. Ich suche nach dem Kern. Nicht, weil alles andere unwichtig wäre. Sondern weil ein Cover nicht den ganzen Roman erzählen kann.

Es muss neugierig machen. Eine Richtung andeuten. Und den ersten Gedanken auslösen.

Und genau deshalb stelle ich manchmal Fragen, die zunächst unmöglich erscheinen. Nicht um Antworten zu bekommen. Sondern damit wir gemeinsam herausfinden,

            was der Autorin wirklich wichtig ist.

Erst dann kann man beurteilen, ob die naheliegendste Idee vielleicht doch die beste ist. Oder ob man weiterdenken muss.

Seitdem ist mir etwas aufgefallen. Ich stelle dieselbe Frage längst nicht mehr nur Autorinnen und Autoren. Sondern Workshopteilnehmern. Lehrkräften. Unternehmen. Theatergruppen. Eigentlich allen, die etwas erklären möchten.

„Worum geht es wirklich?“

Nicht in fünfzig Folien. Nicht in einer Stunde. Nicht in dreihundert Seiten. Sondern in wenigen Worten. Denn erstaunlicherweise passiert dann fast immer etwas. Menschen hören auf, ihre Geschichte zu erzählen und beginnen plötzlich, über ihr Thema zu sprechen.

Was lerne ich daraus?

Ich glaube inzwischen, dass Kreativität oft gar nicht mit einer guten Antwort beginnt. Sondern mit einer guten Frage. Gute Fragen machen Gedanken sichtbar. Sie zeigen, dass die einfachste Lösung gar nicht banal ist, sondern unvermeidlich.

Was Kung-Fu mich über Storytelling gelehrt hat

Ein Kung-Fu-Jubiläum.

Als mich die Wing-Tsun-Schule als Schnellporträtzeichner für ihr zehnjähriges Jubiläum engagierte, dachte ich zunächst: Hey, mal kein Graphic Recording!Keine Workshops. Keine Moderation. Keine komplexen Zusammenhänge. Nur ein Mensch. Ein Blatt Papier. Ein schwarzer Tombow-Stift. Entspannter geht’s doch kaum.

Dachte ich.

Der Veranstalter begrüßte mich mit einem Satz, den ich zunächst überhaupt nicht verstand.

            „Jeder deiner Striche ist wie ein Schlag.“

Ich nickte höflich. Innerlich dachte ich: Aha, interessanter Vergleich!

Doch während ich die ersten Gesichter zeichnete, wurde mir langsam klar, was er meinte. Ein guter Kung-Fu-Kämpfer verschwendet keine Bewegung. Ein guter Zeichner auch nicht.

Schnellzeichnen ist keine Geschwindigkeit.

Viele glauben, Schnellzeichnen bedeute, möglichst schnell einen Stift über das Papier zu bewegen. Das Gegenteil ist richtig. Schnellzeichnen bedeutet wegzulassen. Nicht jede Falte. Nicht jedes Haar. Nicht jede Brille. Sondern genau die wenigen Linien zu finden, die einen Menschen unverwechselbar machen.

            Diese Reduktion ist keine Vereinfachung. Sie ist Konzentration.

Genau das ist Storytelling.

Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir: Eigentlich mache ich immer dasselbe. Ob ich

  • einen Workshop moderiere,
  • ein Graphic Recording zeichne,
  • einen Erklärfilm entwickle,
  • auf einer Bühne Regie führe
  • oder Schnellporträts zeichne.

Es geht nie um die Technik. Es geht immer darum, das Wesentliche sichtbar zu machen.

Vier Lektionen aus dem Kung-Fu

1. Übung schlägt Talent.

Von außen sieht alles leicht aus. Ein guter Zeichner braucht wenige Minuten. Ein Kung-Fu-Meister wenige Sekunden. Doch hinter dieser scheinbaren Mühelosigkeit stecken tausende Wiederholungen. Routine ist nichts anderes als gespeicherte Erfahrung.

2. Präzision schlägt Geschwindigkeit.

Je hektischer ich zeichne, desto schlechter wird das Ergebnis. Je klarer mein Blick, desto weniger Linien brauche ich. Das gilt genauso für Moderation. Nicht möglichst viel reden. Sondern den einen Satz finden, der Orientierung gibt.

3. Fokus schlägt Perfektion.

Während eines Porträts gibt es unendlich viele Informationen. Augen. Mund. Ohren. Haare. Falten. Licht. Schatten. Die eigentliche Kunst besteht darin zu entscheiden, was ich bewusst ignoriere.

Diese Fähigkeit brauche ich genauso in Workshops. Oder beim Schreiben. Oder beim Entwickeln einer Geschichte.

4. Vertrauen schlägt Kontrolle.

Jeder Zeichner kennt diesen Moment. Man setzt einen Strich. Und danach gibt es kein Zurück. Das ist beängstigend. Und gleichzeitig befreiend. Man muss dem eigenen Blick vertrauen. Dem Prozess. Der Erfahrung. Vielleicht ist genau das die größte Gemeinsamkeit zwischen Kung-Fu und kreativem Arbeiten.

Deshalb heißt mein Unternehmen „Art of Storytelling“

Viele fragen mich, warum ich mein Unternehmen nicht einfach „The Art of Graphic Recording“ oder „The Art of Visualisation“ genannt habe. Weil Graphic Recording nur eines meiner Werkzeuge ist. Genauso wie Workshops.

Regie. Illustration. Erklärfilme. Schnellzeichnen.

Der rote Faden dahinter ist immer derselbe:

            Die Suche nach dem Detail, das den Menschen unverwechselbar macht.

Genau danach suche ich während eines Workshops. Und beim Schreiben, beim Entwickeln neuer Ideen – nicht möglichst viele Bilder. Sondern die richtigen. Nicht möglichst viele Worte. Sondern die entscheidenden.

Was nehme ich aus diesem Abend mit?

Ich war als Schnellzeichner eingeladen. Nach Hause gefahren bin ich mit einer Erinnerung daran, worum es in meiner Arbeit eigentlich geht. Nicht um Zeichnungen. Nicht um Workshops. Nicht um Methoden. Sondern um den Moment, in dem plötzlich etwas klar wird.

Für mein Gegenüber. Und manchmal auch für mich.

Danke für die Fotos von Andy Pfaller

Man weiss nie, wer als nächstes einsteigt!

 

Es gibt einen Satz aus dem Improvisationstheater, der mich schon mein ganzes Leben begleitet.

Damals kannte ich ihn nur noch nicht.

            „Ja, und…“

Heute weiß ich: „Ja, und…“ ist keine Improregel. Es ist die Bereitschaft, einer Möglichkeit eine Chance zu geben.

Als Student fuhr ich nachts Taxi in München. Nachtschicht bedeutete: warten. Manchmal stundenlang. Und dann öffnete sich plötzlich die Tür. Man wusste nie, wer als Nächstes einstieg.

Eines Nachts setzte sich ein Mann zu mir und sagte:

            „Bad Tölz.“

Perfekt, dachte ich. Endlich eine ordentliche Tour. Dann kam der Nachsatz.

            „Ich habe allerdings keine Kohle dabei. Aber der Typ, zu dem ich fahre, schuldet mir noch zweihundert Ocken.“

In meinem Kopf begann sofort ein Streit.

            „Ja, aber…“

Was, wenn der Typ lügt? Was, wenn niemand öffnet? Was, wenn ich zwei Stunden verliere? Was, wenn ich auf den Kosten sitzen bleibe? Und trotzdem fuhr ich los. Der Mann zahlte. Die Fahrt war ein voller Erfolg.

Natürlich ging es nicht immer gut. Manchmal wurde ich auch übers Ohr gehauen. Aber etwas anderes war wichtiger. Ich lernte, dass hinter jeder geöffneten Taxitür eine Geschichte wartete. Und manchmal veränderte sie mein Leben.

Ein älterer Mann mit blauem Vollbart und zwei Plastiktüten voller Bierflaschen stieg ein. Von außen sah er ziemlich heruntergekommen aus. Später wurde genau dieser Mann mein Professor an der Kunstakademie. Seitdem bemühe ich mich, Menschen nie nach ihrem ersten Eindruck zu beurteilen. Denn hätte ich ihn nach seinem ersten Eindruck beurteilt, wäre diese Geschichte nie entstanden.

Viele Jahre später lernte ich Improvisationstheater. Dort hörte ich zum ersten Mal den Satz:

            „Ja, und…“

Plötzlich hatte meine Zeit als Taxifahrer einen Namen bekommen.

Im Improtheater blockiert „Ja, aber…“ jede Szene. „Ja, und…“ dagegen nimmt das Angebot an und entwickelt es weiter. Genau so funktioniert das Leben.

Nicht jede Tür führt zu einer guten Geschichte. Nicht jede Entscheidung wird richtig sein. Aber jede Möglichkeit mit einem reflexhaften „Ja, aber…“ abzulehnen, garantiert nur eines: Dass nichts Neues passiert.

Später leitete ich als Trainer für Körpersprache und Präsenz einen Workshop. An der Seite visualisierte ein Graphic Recorder den Prozess und die Ergebnisse auf einer riesen Papierrolle mit.

Mein erster Gedanke hätte sein können:

            „Ja, interessant, aber… das können bestimmt nur Spezialisten!“

Stattdessen dachte ich:

            „Ja, wow wie beeindruckend… das könnte ich bestimmt auch lernen!“

Dieser eine Gedanke veränderte meine berufliche Laufbahn. Ich hatte den Eindruck, dass diese Graphic Recording all das verbindet, was ich liebe:

            Zeichnen. Geschichten. Menschen.

Heute denke ich oft an diese Taxinächte zurück. Nicht wegen des Fahrens. Sondern wegen einer Erkenntnis.

Man weiß nie, wer als Nächstes einsteigt.

Oder welche Idee. Oder welcher Mensch. Oder welche Gelegenheit.

Man muss nur bereit sein, die Tür zu öffnen.