Was Kung-Fu mich über Storytelling gelehrt hat

Ein Kung-Fu-Jubiläum.
Als mich die Wing-Tsun-Schule als Schnellporträtzeichner für ihr zehnjähriges Jubiläum engagierte, dachte ich zunächst: Hey, mal kein Graphic Recording!Keine Workshops. Keine Moderation. Keine komplexen Zusammenhänge. Nur ein Mensch. Ein Blatt Papier. Ein schwarzer Tombow-Stift. Entspannter geht’s doch kaum.
Dachte ich.
Der Veranstalter begrüßte mich mit einem Satz, den ich zunächst überhaupt nicht verstand.
„Jeder deiner Striche ist wie ein Schlag.“
Ich nickte höflich. Innerlich dachte ich: Aha, interessanter Vergleich!
Doch während ich die ersten Gesichter zeichnete, wurde mir langsam klar, was er meinte. Ein guter Kung-Fu-Kämpfer verschwendet keine Bewegung. Ein guter Zeichner auch nicht.
Schnellzeichnen ist keine Geschwindigkeit.
Viele glauben, Schnellzeichnen bedeute, möglichst schnell einen Stift über das Papier zu bewegen. Das Gegenteil ist richtig. Schnellzeichnen bedeutet wegzulassen. Nicht jede Falte. Nicht jedes Haar. Nicht jede Brille. Sondern genau die wenigen Linien zu finden, die einen Menschen unverwechselbar machen.
Diese Reduktion ist keine Vereinfachung. Sie ist Konzentration.
Genau das ist Storytelling.
Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir: Eigentlich mache ich immer dasselbe. Ob ich
- einen Workshop moderiere,
- ein Graphic Recording zeichne,
- einen Erklärfilm entwickle,
- auf einer Bühne Regie führe
- oder Schnellporträts zeichne.
Es geht nie um die Technik. Es geht immer darum, das Wesentliche sichtbar zu machen.
Vier Lektionen aus dem Kung-Fu
1. Übung schlägt Talent.
Von außen sieht alles leicht aus. Ein guter Zeichner braucht wenige Minuten. Ein Kung-Fu-Meister wenige Sekunden. Doch hinter dieser scheinbaren Mühelosigkeit stecken tausende Wiederholungen. Routine ist nichts anderes als gespeicherte Erfahrung.
2. Präzision schlägt Geschwindigkeit.
Je hektischer ich zeichne, desto schlechter wird das Ergebnis. Je klarer mein Blick, desto weniger Linien brauche ich. Das gilt genauso für Moderation. Nicht möglichst viel reden. Sondern den einen Satz finden, der Orientierung gibt.
3. Fokus schlägt Perfektion.
Während eines Porträts gibt es unendlich viele Informationen. Augen. Mund. Ohren. Haare. Falten. Licht. Schatten. Die eigentliche Kunst besteht darin zu entscheiden, was ich bewusst ignoriere.
Diese Fähigkeit brauche ich genauso in Workshops. Oder beim Schreiben. Oder beim Entwickeln einer Geschichte.
4. Vertrauen schlägt Kontrolle.
Jeder Zeichner kennt diesen Moment. Man setzt einen Strich. Und danach gibt es kein Zurück. Das ist beängstigend. Und gleichzeitig befreiend. Man muss dem eigenen Blick vertrauen. Dem Prozess. Der Erfahrung. Vielleicht ist genau das die größte Gemeinsamkeit zwischen Kung-Fu und kreativem Arbeiten.
Deshalb heißt mein Unternehmen „Art of Storytelling“
Viele fragen mich, warum ich mein Unternehmen nicht einfach „The Art of Graphic Recording“ oder „The Art of Visualisation“ genannt habe. Weil Graphic Recording nur eines meiner Werkzeuge ist. Genauso wie Workshops.
Regie. Illustration. Erklärfilme. Schnellzeichnen.
Der rote Faden dahinter ist immer derselbe:
Die Suche nach dem Detail, das den Menschen unverwechselbar macht.
Genau danach suche ich während eines Workshops. Und beim Schreiben, beim Entwickeln neuer Ideen – nicht möglichst viele Bilder. Sondern die richtigen. Nicht möglichst viele Worte. Sondern die entscheidenden.
Was nehme ich aus diesem Abend mit?
Ich war als Schnellzeichner eingeladen. Nach Hause gefahren bin ich mit einer Erinnerung daran, worum es in meiner Arbeit eigentlich geht. Nicht um Zeichnungen. Nicht um Workshops. Nicht um Methoden. Sondern um den Moment, in dem plötzlich etwas klar wird.
Für mein Gegenüber. Und manchmal auch für mich.
Danke für die Fotos von Andy Pfaller



