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Trauer verlangt manchmal nach einem Anfänger

Vor drei Jahren starb meine Mutter. Sie lebte fast fünfzig Jahre am Fuße des Montmartre in Paris.

Wenn ich sie besuchte, gingen wir fast immer denselben Weg. Hinauf zur Sacré-Cœur. Von dort blickten wir über die Dächer der Stadt. Danach ging es weiter zur Place du Tertre, zwischen die Maler. Und irgendwann saßen wir mit einem Kaffee oder einem Pastis auf der Place des Abbesses.

Spätestens dort sprach jemand von uns über Die fabelhafte Welt der Amélie. Und natürlich hörten wir dann sofort den Soundtrack.

Für mich reicht bis heute der erste Akkord von Comptine d’un autre été, und Paris ist wieder da. Er ist meine Proust’sche Madeleine.

Nicht die Gebäude.

Das Gefühl.

Nach ihrem Tod dachte ich zuerst, ich müsste einfach wieder mehr zeichnen. Mehr malen. Mehr gestalten. Schließlich hatte mich die Kunst mein ganzes Leben begleitet. Aber sie half mir nicht. Ich setzte mich an den Zeichentisch, aber nichts passierte. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass mich das, was ich gut konnte, nicht mehr erreichte. Meine Stifte hatten mir nichts zu sagen.

Vor einigen Monaten holte ich das alte Yamaha-Keyboard meines Vaters aus dem Keller. Ich konnte kaum Klavier spielen. Gerade einmal die Tonleitern. Aber genau das war vielleicht der Punkt. Ich musste nicht gut sein. Ich durfte wieder Anfänger sein. Seitdem übe ich fast jeden Tag. Langsam. Ton für Ton. Fehler für Fehler.

Und dann passiert etwas Merkwürdiges.

Beim Üben bekomme ich das Gefühl, dass nicht nur meine Finger lernen. Sondern auch mein Kopf. Als würden irgendwo neue Verbindungen entstehen. Nicht nur zwischen den Tasten. Sondern zwischen Erinnerungen und Zukunft.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich: In schweren Zeiten helfen uns seltener die Fähigkeiten, die wir längst beherrschen. Sondern die, die wir gerade erst entdecken.

Etwas Neues zu lernen bedeutet, den Blick nach vorne zu richten. Nicht die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Sondern ihr einen Platz zu geben, ohne in ihr stehen zu bleiben.

Nicht, weil das Alte unwichtig wäre. Sondern weil Leben immer auch Bewegung ist.

Heute arbeite ich mich an Comptine d’un autre été ab. Mal klingt es schon nach Musik. Mal eher nach Mut. Beides ist in Ordnung. Denn ich glaube inzwischen:

            Trauer verschwindet nicht, wenn wir vergessen. Sie verändert sich, wenn wir ihr eine neue Sprache geben.

Was lerne ich daraus?

Vielleicht brauchen wir in schwierigen Zeiten nicht noch mehr von dem, was wir ohnehin schon können. Vielleicht brauchen wir nicht zuerst neue Antworten. Vielleicht brauchen wir den Mut, noch einmal Anfänger zu sein. Nicht perfekt. Nicht schnell. Einfach bereit, etwas Neues zu lernen.

Denn oft beginnt Heilung genau dort, wo wir aufhören, funktionieren zu wollen. Und stattdessen wieder neugierig werden.

Kann man einen Roman in drei Sätzen erzählen?

Vor einiger Zeit durfte ich zum ersten Mal das Cover für einen Roman illustrieren.

Das war für mich Neuland. Bevor ich den Stift in die Hand nahm, sagte mir die Autorin:

„Der Roman heißt Das Lastenfahrrad. Aber einfach ein Lastenfahrrad aufs Cover zu zeichnen, wäre doch viel zu banal, oder?“

Ich antwortete:

„Worum geht es denn?“

Sie begann zu erzählen. Von ihren Figuren. Von Beziehungen. Von Wendungen. Von all den kleinen Geschichten, die ihren Roman lebendig machten.

Nach einigen Minuten unterbrach ich sie.

„Nein. In drei Sätzen.“

Sie lachte.

„Wie soll ich einen Roman in drei Sätzen erklären, für den ich dreihundert Seiten gebraucht habe?“

Genau das ist das Problem. Nicht nur bei Romanen. Sondern bei jeder guten Geschichte.

Als Illustrator suche ich nämlich nicht zuerst nach einem schönen Bild. Ich suche nach dem Kern. Nicht, weil alles andere unwichtig wäre. Sondern weil ein Cover nicht den ganzen Roman erzählen kann.

Es muss neugierig machen. Eine Richtung andeuten. Und den ersten Gedanken auslösen.

Und genau deshalb stelle ich manchmal Fragen, die zunächst unmöglich erscheinen. Nicht um Antworten zu bekommen. Sondern damit wir gemeinsam herausfinden,

            was der Autorin wirklich wichtig ist.

Erst dann kann man beurteilen, ob die naheliegendste Idee vielleicht doch die beste ist. Oder ob man weiterdenken muss.

Seitdem ist mir etwas aufgefallen. Ich stelle dieselbe Frage längst nicht mehr nur Autorinnen und Autoren. Sondern Workshopteilnehmern. Lehrkräften. Unternehmen. Theatergruppen. Eigentlich allen, die etwas erklären möchten.

„Worum geht es wirklich?“

Nicht in fünfzig Folien. Nicht in einer Stunde. Nicht in dreihundert Seiten. Sondern in wenigen Worten. Denn erstaunlicherweise passiert dann fast immer etwas. Menschen hören auf, ihre Geschichte zu erzählen und beginnen plötzlich, über ihr Thema zu sprechen.

Was lerne ich daraus?

Ich glaube inzwischen, dass Kreativität oft gar nicht mit einer guten Antwort beginnt. Sondern mit einer guten Frage. Gute Fragen machen Gedanken sichtbar. Sie zeigen, dass die einfachste Lösung gar nicht banal ist, sondern unvermeidlich.

Was Kung-Fu mich über Storytelling gelehrt hat

Ein Kung-Fu-Jubiläum.

Als mich die Wing-Tsun-Schule als Schnellporträtzeichner für ihr zehnjähriges Jubiläum engagierte, dachte ich zunächst: Hey, mal kein Graphic Recording!Keine Workshops. Keine Moderation. Keine komplexen Zusammenhänge. Nur ein Mensch. Ein Blatt Papier. Ein schwarzer Tombow-Stift. Entspannter geht’s doch kaum.

Dachte ich.

Der Veranstalter begrüßte mich mit einem Satz, den ich zunächst überhaupt nicht verstand.

            „Jeder deiner Striche ist wie ein Schlag.“

Ich nickte höflich. Innerlich dachte ich: Aha, interessanter Vergleich!

Doch während ich die ersten Gesichter zeichnete, wurde mir langsam klar, was er meinte. Ein guter Kung-Fu-Kämpfer verschwendet keine Bewegung. Ein guter Zeichner auch nicht.

Schnellzeichnen ist keine Geschwindigkeit.

Viele glauben, Schnellzeichnen bedeute, möglichst schnell einen Stift über das Papier zu bewegen. Das Gegenteil ist richtig. Schnellzeichnen bedeutet wegzulassen. Nicht jede Falte. Nicht jedes Haar. Nicht jede Brille. Sondern genau die wenigen Linien zu finden, die einen Menschen unverwechselbar machen.

            Diese Reduktion ist keine Vereinfachung. Sie ist Konzentration.

Genau das ist Storytelling.

Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir: Eigentlich mache ich immer dasselbe. Ob ich

  • einen Workshop moderiere,
  • ein Graphic Recording zeichne,
  • einen Erklärfilm entwickle,
  • auf einer Bühne Regie führe
  • oder Schnellporträts zeichne.

Es geht nie um die Technik. Es geht immer darum, das Wesentliche sichtbar zu machen.

Vier Lektionen aus dem Kung-Fu

1. Übung schlägt Talent.

Von außen sieht alles leicht aus. Ein guter Zeichner braucht wenige Minuten. Ein Kung-Fu-Meister wenige Sekunden. Doch hinter dieser scheinbaren Mühelosigkeit stecken tausende Wiederholungen. Routine ist nichts anderes als gespeicherte Erfahrung.

2. Präzision schlägt Geschwindigkeit.

Je hektischer ich zeichne, desto schlechter wird das Ergebnis. Je klarer mein Blick, desto weniger Linien brauche ich. Das gilt genauso für Moderation. Nicht möglichst viel reden. Sondern den einen Satz finden, der Orientierung gibt.

3. Fokus schlägt Perfektion.

Während eines Porträts gibt es unendlich viele Informationen. Augen. Mund. Ohren. Haare. Falten. Licht. Schatten. Die eigentliche Kunst besteht darin zu entscheiden, was ich bewusst ignoriere.

Diese Fähigkeit brauche ich genauso in Workshops. Oder beim Schreiben. Oder beim Entwickeln einer Geschichte.

4. Vertrauen schlägt Kontrolle.

Jeder Zeichner kennt diesen Moment. Man setzt einen Strich. Und danach gibt es kein Zurück. Das ist beängstigend. Und gleichzeitig befreiend. Man muss dem eigenen Blick vertrauen. Dem Prozess. Der Erfahrung. Vielleicht ist genau das die größte Gemeinsamkeit zwischen Kung-Fu und kreativem Arbeiten.

Deshalb heißt mein Unternehmen „Art of Storytelling“

Viele fragen mich, warum ich mein Unternehmen nicht einfach „The Art of Graphic Recording“ oder „The Art of Visualisation“ genannt habe. Weil Graphic Recording nur eines meiner Werkzeuge ist. Genauso wie Workshops.

Regie. Illustration. Erklärfilme. Schnellzeichnen.

Der rote Faden dahinter ist immer derselbe:

            Die Suche nach dem Detail, das den Menschen unverwechselbar macht.

Genau danach suche ich während eines Workshops. Und beim Schreiben, beim Entwickeln neuer Ideen – nicht möglichst viele Bilder. Sondern die richtigen. Nicht möglichst viele Worte. Sondern die entscheidenden.

Was nehme ich aus diesem Abend mit?

Ich war als Schnellzeichner eingeladen. Nach Hause gefahren bin ich mit einer Erinnerung daran, worum es in meiner Arbeit eigentlich geht. Nicht um Zeichnungen. Nicht um Workshops. Nicht um Methoden. Sondern um den Moment, in dem plötzlich etwas klar wird.

Für mein Gegenüber. Und manchmal auch für mich.

Danke für die Fotos von Andy Pfaller

Man weiss nie, wer als nächstes einsteigt!

 

Es gibt einen Satz aus dem Improvisationstheater, der mich schon mein ganzes Leben begleitet.

Damals kannte ich ihn nur noch nicht.

            „Ja, und…“

Heute weiß ich: „Ja, und…“ ist keine Improregel. Es ist die Bereitschaft, einer Möglichkeit eine Chance zu geben.

Als Student fuhr ich nachts Taxi in München. Nachtschicht bedeutete: warten. Manchmal stundenlang. Und dann öffnete sich plötzlich die Tür. Man wusste nie, wer als Nächstes einstieg.

Eines Nachts setzte sich ein Mann zu mir und sagte:

            „Bad Tölz.“

Perfekt, dachte ich. Endlich eine ordentliche Tour. Dann kam der Nachsatz.

            „Ich habe allerdings keine Kohle dabei. Aber der Typ, zu dem ich fahre, schuldet mir noch zweihundert Ocken.“

In meinem Kopf begann sofort ein Streit.

            „Ja, aber…“

Was, wenn der Typ lügt? Was, wenn niemand öffnet? Was, wenn ich zwei Stunden verliere? Was, wenn ich auf den Kosten sitzen bleibe? Und trotzdem fuhr ich los. Der Mann zahlte. Die Fahrt war ein voller Erfolg.

Natürlich ging es nicht immer gut. Manchmal wurde ich auch übers Ohr gehauen. Aber etwas anderes war wichtiger. Ich lernte, dass hinter jeder geöffneten Taxitür eine Geschichte wartete. Und manchmal veränderte sie mein Leben.

Ein älterer Mann mit blauem Vollbart und zwei Plastiktüten voller Bierflaschen stieg ein. Von außen sah er ziemlich heruntergekommen aus. Später wurde genau dieser Mann mein Professor an der Kunstakademie. Seitdem bemühe ich mich, Menschen nie nach ihrem ersten Eindruck zu beurteilen. Denn hätte ich ihn nach seinem ersten Eindruck beurteilt, wäre diese Geschichte nie entstanden.

Viele Jahre später lernte ich Improvisationstheater. Dort hörte ich zum ersten Mal den Satz:

            „Ja, und…“

Plötzlich hatte meine Zeit als Taxifahrer einen Namen bekommen.

Im Improtheater blockiert „Ja, aber…“ jede Szene. „Ja, und…“ dagegen nimmt das Angebot an und entwickelt es weiter. Genau so funktioniert das Leben.

Nicht jede Tür führt zu einer guten Geschichte. Nicht jede Entscheidung wird richtig sein. Aber jede Möglichkeit mit einem reflexhaften „Ja, aber…“ abzulehnen, garantiert nur eines: Dass nichts Neues passiert.

Später leitete ich als Trainer für Körpersprache und Präsenz einen Workshop. An der Seite visualisierte ein Graphic Recorder den Prozess und die Ergebnisse auf einer riesen Papierrolle mit.

Mein erster Gedanke hätte sein können:

            „Ja, interessant, aber… das können bestimmt nur Spezialisten!“

Stattdessen dachte ich:

            „Ja, wow wie beeindruckend… das könnte ich bestimmt auch lernen!“

Dieser eine Gedanke veränderte meine berufliche Laufbahn. Ich hatte den Eindruck, dass diese Graphic Recording all das verbindet, was ich liebe:

            Zeichnen. Geschichten. Menschen.

Heute denke ich oft an diese Taxinächte zurück. Nicht wegen des Fahrens. Sondern wegen einer Erkenntnis.

Man weiß nie, wer als Nächstes einsteigt.

Oder welche Idee. Oder welcher Mensch. Oder welche Gelegenheit.

Man muss nur bereit sein, die Tür zu öffnen.

Wann haben wir eigentlich aufgehört Künstler zu sein?

„Ach, ich wünschte, ich könnte auch so schön zeichnen wie Sie. Ich bin völlig unbegabt.“

Diesen Satz höre ich erstaunlich oft. Auf Management-Konferenzen. In Workshops. Beim Graphic Recording. Fast jedes Mal sagt ihn jemand. Und fast jedes Mal frage ich mich dasselbe:

            „Wann genau beschließen wir eigentlich, dass wir unkreativ sind?“

Ich habe jedenfalls noch nie erlebt, dass ein kleines Kind vor einem Blatt Papier sitzt und sagt:

            „Ich kann leider nicht malen.“

Kinder zeichnen einfach. Sie erfinden Tiere, die es gar nicht gibt. Häuser mit schiefen Dächern. Menschen mit vier Fingern. Sonnen mit Gesichtern. Niemand entschuldigt sich. Niemand fragt, ob das richtig ist.

Irgendwann verändert sich etwas.

Ein Bild wird bewertet. Ein Vergleich beginnt. Plötzlich geht es nicht mehr darum, etwas auszuprobieren, sondern darum, etwas richtig zu machen. Aus Spielfreude wird Selbstkritik. Aus Neugier wird Vorsicht.

Und Jahre später sitzen dieselben Menschen vor mir und sagen:

            „Ich bin leider überhaupt nicht kreativ.“

Ich glaube ihnen das nicht. Nicht einen Moment. Denn Kreativität verschwindet nicht einfach. Sie wird oft nur über viele Jahre hinweg zugeschüttet. Von Noten. Von Vergleichen. Von der Angst, sich zu blamieren. Von dem Gedanken, dass Kunst etwas für Begabte sei.

Dabei ist Zeichnen viel weniger ein Talent als eine Sprache. Eine Sprache, die wir alle einmal gesprochen haben. Deshalb liebe ich meine Arbeit als Graphic Recorder so sehr.

Ich zeichne nicht, um bessere Bilder als andere zu produzieren. Ich zeichne, damit Gedanken sichtbar werden. Damit aus einem flüchtigen Satz eine Idee wird, über die Menschen gemeinsam nachdenken können. Oft erlebt jemand zum ersten Mal, wie seine Gedanken auf einer großen Wand Gestalt annehmen. Und plötzlich passiert etwas Erstaunliches: Er erkennt sich darin wieder.

Vielleicht beginnt Kreativität genau dort.

Nicht mit einem außergewöhnlichen Talent. Sondern mit dem Mut, den ersten Strich zu machen.

Pablo Picasso hat einmal gesagt:

            „Jedes Kind ist ein Künstler. Das Problem ist, ein Künstler zu bleiben, wenn man erwachsen wird.“

Ich weiß, er hatte recht. Heute Abend habe ich eine kleine Einladung für euch.

Nehmt euch ein Blatt Papier. Zeichnet ein Gesicht. Einen Hund. Ein Haus. Einen Baum. Ganz egal.

Nicht, um jemandem zu gefallen.

Nicht, um ein Kunstwerk zu schaffen.

Sondern um herauszufinden, ob eure Kreativität wirklich verschwunden ist.

Oder ob sie die ganze Zeit nur darauf gewartet hat, dass ihr ihr wieder eine Chance gebt.