Was ein Graphic Recording sichtbar machen kann

Ich hatte noch nicht einmal angefangen!

Die Papierrolle hing gerade an der Wand, die Stifte lagen bereit. Schon während meiner Vorbereitung war zu spüren, dass etwas in der Luft lag.

Eine deutsche Versicherung hatte mit einer österreichischen fusioniert. Unter deutscher Leitung. Bei einer gemeinsamen Veranstaltung in Wien sollte es um die Zukunft des neuen Unternehmens gehen.

Ich war als Graphic Recorder gebucht und sollte die Veranstaltung visuell begleiten.

Dann begann die Keynote des deutschen Vorstands.

Nach ungefähr fünf Minuten eskalierte die Situation.

Wenn aus einer Veranstaltung plötzlich ein Konflikt wird

Die österreichischen Mitarbeiter machten ihrem Ärger Luft. Laut und unmissverständlich. Die deutsche Seite reagierte. Innerhalb kürzester Zeit entwickelte sich eine heftige Auseinandersetzung.

Und ich stand vor meiner noch fast weißen Papierbahn. Was sollte ich tun? Nur die offiziellen Botschaften visualisieren? Die freundlichen Formulierungen aus der Präsentation?

Oder das, was tatsächlich im Raum passierte? Für mich war die Sache eigentlich klar.

Genau das hätte aufs Papier gemusst.

Nicht als Karikatur der Beteiligten. Nicht als Bewertung. Und schon gar nicht, um jemanden bloßzustellen.

Sondern als sichtbares Protokoll dessen, was gerade geschah.

Die unterschiedlichen Positionen. Die Widersprüche. Die Befürchtungen. Die Vorwürfe. Auch erste Gemeinsamkeiten.

Ich wollte weiterzeichnen.

Der Auftraggeber entschied anders.

Das Graphic Recording wurde abgebrochen.

Was wäre passiert, wenn ich weitergezeichnet hätte?

Diese Frage beschäftigt mich bis heute.

Natürlich weiß ich nicht, ob die Visualisierung geholfen hätte. Vielleicht wäre die Situation trotzdem eskaliert. Vielleicht hätte sich in diesem Moment auch niemand auf ein gemeinsames Bild einlassen wollen.

Aber genau darin liegt für mich eine oft unterschätzte Möglichkeit des Graphic Recordings:

Ein Konflikt kann einen Ort bekommen.

Solange zwei Menschen oder zwei Gruppen miteinander streiten, steht der Gegner gewissermaßen direkt vor ihnen.

Du gegen mich.

Wir gegen die.

Deutschland gegen Österreich.

In dem Moment, in dem die unterschiedlichen Sichtweisen auf einer gemeinsamen Fläche erscheinen, verändert sich etwas.

Das Problem hängt plötzlich an der Wand.

Alle können darauf schauen.

Das Bild wird zum Dritten im Raum

Das ist die eigentliche Kraft einer Visualisierung.

Sie löst den Konflikt nicht. Aber sie kann ihn aus der direkten Konfrontation herausholen.

Aus:

„Du verstehst überhaupt nicht, worum es uns geht!“

kann irgendwann die Frage werden:

„Ist das hier überhaupt das, worüber wir gerade wirklich streiten?“

Das ist ein erheblicher Unterschied.

Denn ein Bild zwingt zur Konkretisierung.

Was wurde tatsächlich gesagt?

Wo widersprechen sich Aussagen?

Welche Begriffe tauchen immer wieder auf?

Welche Befürchtungen stehen hinter den Positionen?

Und plötzlich entdeckt man sogar etwas, das beide Seiten verbindet.

Das Graphic Recording wäre dann nicht mehr nur die Dokumentation einer Veranstaltung.

Es würde zum Arbeitsmaterial.

Aber Graphic Recording ist keine Mediation

Das ist mir ganz wichtig.

Ein Graphic Recorder ist nicht automatisch Konfliktmoderator. Und ein Bild kann keinen Konflikt lösen, nur weil jemand Pfeile, Figuren und Sprechblasen auf ein großes Blatt Papier zeichnet.

Bei einer derart aufgeladenen Situation wie damals in Wien hätte es vermutlich eine unabhängige und erfahrene Moderation gebraucht.

Vielleicht sogar eine Unterbrechung.

Raus aus dem Raum. Durchatmen. Neu sortieren.

Und anschließend hätte man mit der entstandenen Visualisierung weiterarbeiten können.

Das Bild wäre nicht die Lösung gewesen.

Aber ein Ausgangspunkt.

Hübsche Dokumentation oder Werkzeug?

Graphic Recording wird häufig als visuelle Dokumentation verstanden.

Am Ende einer Tagung hängt ein großes, buntes Bild an der Wand. Menschen bleiben davor stehen, fotografieren es mit dem Smartphone und entdecken Aussagen wieder, die sie einige Stunden zuvor gehört haben.

Das ist vollkommen legitim.

Aber die Methode kann mehr.

Eine Visualisierung kann Zusammenhänge herstellen.

Sie kann Widersprüche nebeneinanderstellen.

Sie kann etwas sichtbar machen, das in vielen einzelnen Wortbeiträgen verborgen bleibt.

Und manchmal kann sie sogar zeigen, dass die offizielle Geschichte einer Veranstaltung nicht dieselbe ist wie die Geschichte, die gerade tatsächlich im Raum stattfindet.

Dann wird es natürlich unbequem.

Aber möglicherweise beginnt genau dort die interessante Arbeit.

Die leere Papierbahn

An jenem Tag in Wien blieb meine Papierbahn weitgehend leer.

Lange empfand ich das als vertane Chance.

Heute sehe ich auch diese leere Fläche ein wenig anders.

Vielleicht erzählt sogar sie etwas über diese Veranstaltung.

Es gab offensichtlich vieles, was gesagt werden musste.

Aber es sollte nicht sichtbar werden.

Und damit komme ich zu einer Frage, die ich mir heute vor einem Graphic Recording viel häufiger stelle:

Nicht nur:

Was sollen wir festhalten?

Sondern:

Womit wollen wir anschließend weiterarbeiten?

Denn ein Graphic Recording ist dann am wertvollsten, wenn es am Ende nicht einfach nur an der Wand hängt.

Sondern wenn die Menschen davor stehen bleiben und miteinander ins Gespräch kommen.