„Muss ich da noch was dazumalen, damit ich eine gute Note bekomme?“

 

Diese Frage stellte mir neulich ein Schüler im Kunstunterricht.
Keine Ironie. Keine Faulheit.
Sondern ein sauber kalkulierter Versuch, es mir recht zu machen.

Übersetzt heißt das:
„Was erwartest du – und wie liefere ich es so,
dass ich auf der sicheren Seite bin?“

Exakt dieselbe Frage höre ich später wieder.
Nur anders formuliert.
Im Unternehmen:
„Was will der Kunde hören?“
„Was erwartet die Geschäftsführung?“
„Was wird am Ende bewertet?“

Der Mechanismus ist derselbe.
Anpassung statt Risiko.
Der Schüler verkauft seine Kreativität für eine gute Note.
Der Mitarbeiter verkauft seine Idee für ein sicheres Okay.

Und ja:
Ich habe das früher auch so gemacht.
In der Schule. Im Studium. Im Job. Bloß nicht anecken.
Bloß nichts falsch machen. Bloß nicht rausfallen.

Mittlerweile lebe ich davon. Als Illustrator. Als Graphic Recorder. Als Animationsfilmer.

Mir macht es Spaß und mich erfüllt es, mein Können, meine Skills, meine Kreativität in Dienst zu stellen. Mit Kunst hat das aber nichts zu tun!

Kunst muss chaotisch sein. Unkontrollierbar. Geheimnisvoll.

Dabei ist der Kunstunterricht eigentlich der letzte offizielle Freiraum,
in dem „richtig“ und „falsch“ verhandelbar wären.

Und selbst den machen wir oft dicht mit Bewertungsrastern, Erwartungshorizonten und stillen Leitplanken.
Im Business nennen wir das dann:
„Leistungskennzahlen“
„Zielvereinbarungen“
„Qualitätssicherung“

Alles sinnvoll.
Aber tödlich für Mut, wenn sie falsch eingesetzt werden.
Denn echte Kreativität ist unpraktisch:

Sie passt nicht ins Formular.
Sie verzögert Prozesse.
Sie macht Meetings unruhig.

Und genau deshalb ist sie wertvoll.
Die unbequeme Frage lautet also:
Belohnen wir wirklich Eigenständigkeit –
oder nur gut getarnte Anpassung?

Und noch härter:
Wo bestrafen wir Risiko,
während wir öffentlich Innovation fordern?
Vielleicht beginnt Veränderung genau da,
wo wir als Lehrer, Führungskräfte oder Auftraggeber
eine Arbeit nicht fragen:
„Reicht das?“

Sondern:
„Wofür bist du ein Risiko eingegangen?“
Mich interessiert ehrlich:

Wo habt ihr erlebt, dass Mut honoriert wurde –
und wo wurde er leise abtrainiert?