An zwei Tagen pro Woche Kunstlehrer an einem Gymnasium

Seit Februar 2025 bin ich an zwei Tagen pro Woche Kunstlehrer an einem Gymnasium.
Ein Satz verfolgt mich seit Jahren auf Konferenzen und Workshops:
„Ich kann sowas ja gar nicht. Ich war schon in der Schule total schlecht im Zeichnen.“
Jetzt stehe ich auf der anderen Seite, direkt an der Basis, nämlich bei Kindern und Jugendlichen.
Und weißt du was?
Keines dieser Kinder kommt mit der Idee auf die Welt, dass es nicht zeichnen kann.
Sie zeichnen einfach.
Sie mischen Farben.
Sie experimentieren.
Zumindest bei den 5. und 6. Klassen ist das so!
Und wenn aus gelb und blau nicht grün, sondern erst mal eine braune Soße wird, dann ist das kein Drama, sondern ein Lernmoment.
Ich zeige ihnen, wie man Linien setzt, wie Formen entstehen, wie Visualisierung Denken sichtbar macht,mund warum „falsch“ im Kunstunterricht ein ziemlich nutzloses Wort ist.
Meine Hoffnung ist simpel:
Dass diese Kinder später nicht in Meetings sitzen und sich klein machen,
weil sie glauben, Kreativität sei ein Talent für andere.
Hart setzen mir allerdings die 9. und 10. Klassen zu! Denn die können gar nichts mehr!
Während mich die Fünfklässlerin fragt, wo denn der Draht sei und der Glitter, will der Neuntklässler von mir wissen, wie man einen Berg malt.
Nebenbei:
Ich habe mich mit 60 Jahren zum ersten Mal für eine Festanstellung entschieden. Auch nicht schlecht. Ein bisschen spät vielleicht. Aber sehr richtig.
Ehrlich gesagt bin ich müde geworden,
mich über Beiträge, Reichweite und Sichtbarkeit
als Visualisierer, Graphic Recorder oder Flipchart-Coach zu erklären.
Die ehrlichste Form von Wertschätzung erlebe ich gerade täglich:
Wenn ein Schüler sagt: „Ach so! Dann kann ich das ja doch.“
Vielleicht liegt dein „Ich kann das nicht“ gar nicht an fehlendem Talent,
sondern an einem alten Schulsatz, den du nie hinterfragt hast.
Man kann Kreativität nicht verlernen. Man kann sich an sie erinnern und sie sich wieder zurückholen. Jeden Tag. Manchmal reicht dafür schon ein Blatt Papier.
Und jemand, der sagt:
„Probier’s noch mal. Diesmal ohne Angst.“



